Höhenflug dank Arbeit und Fleiss

Als Jean-Pierre Nsame im Sommer von Servette zu YB wechselte, ahnte kaum jemand, wie wichtig der 24-Jährige innert kurzer Zeit für die Berner werden würde. Den Durchbruch hat er im Höchsttempogeschafft – auch dank seiner Einstellung.

Es sieht so spielerisch leicht aus, als Jean-Pierre Nsame am späten Nachmittag des 5. Novembers den Berner Young Boys im Spitzenkampf in Basel in der 80. Minute mit einem Absatztrick einen Punkt rettet. -Dieses 1:1 sorgt dafür, dass die Berner ihre sieben Punkte Vorsprung auf den Serienmeister aus Basel wahren können und macht sie endgültig zum heissen Anwärter auf den Meistertitel. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt erst 14 von 36 Meisterschafts-runden gespielt sind. Bemerkenswert daran ist, dass die Berner auf ihrem Höhenflug oft auf die Unterstützung von Tor-Garant Guillaume Hoarau verzichten mussten. Nur gerade 343 von möglichen 1260 Minuten stand er bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Feld, weil die Verletzungshexe wieder zugeschlagen hatte.

Im Rekordtempo durchgesetzt

«Was kann YB ohne Hoarau?» lautete denn auch verständlicherweise oft die Frage, wenn der Franzose ausfiel. Dass die Antwort «sehr viel» heisst, ist auch das Verdienst von Jean-Pierre Nsame, der letzte Saison in der Challenge League mit 23 Treffern Torschützenkönig geworden war. Nach seinem Wechsel von Servette zu den Young Boys -konnte der französisch-kamerunische Doppelbürger diese Pace scheinbar problemlos beibehalten und ist nach 14 Meisterschaftsrunden und neun Toren in der Beletage des Schweizer Fussballs ebenfalls der treffsicherste Spieler. Diesen Durchbruch schaffte er so quasi im Rekord-tempo, was nicht selbstverständlich ist, wenn man an den Niveau-Unterschied zwischen den -beiden Ligen denkt. «Ja, es ist sehr schnell gegangen, was nicht normal ist – aber was ist im Fussball schon normal?», sagt Nsame lächelnd. «Ich bin sehr glücklich darüber, was mir bis heute gelungen ist. Ich verstehe mich super mit meinen Partnern, dem Staff, allen Personen im Klub. Ich kann mich voll auf den Fussball konzentrieren und daran arbeiten, besser zu werden. Ich geniesse diese Arbeit hier sehr.»

Das Wort Arbeit taucht im Gespräch mit «JP» immer wieder auf. Wer sein Tor gegen den FCB gesehen hat, könnte denken, dass da ein Künstler am Werk ist. Aber Nsame ist auch ein harter Arbeiter, einer, der dorthin geht, wo es weh tut, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt. Er sagt denn auch, und man glaubt es ihm, dass es wichtiger und entscheidender ist als selber Tore zu -erzielen, für das Kollektiv zu arbeiten, -mitzuhelfen, dass die Projekte des Klubs -erfolgreich umgesetzt werden.

Früh die Heimat verlassen

Jean-Pierre Nsame ist in seiner Karriere -wenig einfach so in den Schoss gefallen. Aufgewachsen ist er in der kamerunischen Stadt Douala, mit sechs Jahren liess ihn seine Mutter aber nach Frankreich zu seinem Vater ziehen, was zuerst ein Kulturschock war. Schon damals drehte sich bei ihm fast alles um den Ball. Sein Vater wollte, dass sich Jean-Pierre auf Schule und Ausbildung konzentriert, doch der Sohn setzte sich durch. Auch weil seine Mutter und seine -Adoptivmutter ihn unterstützten und er-mutigten, das zu machen, was er gerne will. Mit Angers kam er zu seinen Debüts in der Ligue 2 (2012) und in der League 1 (2015), dazwischen gab es aber auch Leihgeschäfte mit Carquefou und Amiens. Den richtigen Durchbruch schaffte er in Frankreich nicht, wechselte im Sommer 2016 stattdessen zum Servette FC in die Challenge League. Weil sein Leistungsausweise damals bescheiden war, musste er bei den Genfern ein Probetraining bestreiten – und startete so sehr durch, dass er ein Jahr später auf dem Transfermarkt zu einem der begehrtesten Spieler des Landes wurde und schliesslich in Bern landete.

«Als ich in Bern ankam, war ich einfach nur zufrieden damit. Ich dachte, dass ich Geduld brauche, um die Mannschaft, das Spiel und die Liga kennenzulernen, mich anzupassen», erinnert er sich an die Sommermonate. Auch wenn er sagt, dass heute noch nicht alles perfekt ist, mutet es erstaunlich an, wie schnell ihm der Durchbruch gelang. Wichtig sei gewesen, dass er bei erfahrenen Spielern wie Steve von -Bergen, Sékou Sanogo und vor allem Guillaume Hoarau («Er ist wie ein grosser Bruder») Rat holen kann, «um mich zu verbessern und vorwärts zu kommen».

Ein Grund für die schnelle Integration ist sicher, dass YB viele frankophone Spieler im Kader hat. «Beim Entscheid über den Transfer hat dies keine Rolle gespielt, mein Kriterium war, dass der Weg des Klubs stimmt, und ich -hatte das Gefühl, dass YB für meine Entwicklung die beste Wahl ist. Aber heute ist es schon angenehm», sagt Nsame. Dass man gewillt sei, die mittlerweile über 30 Jahre lange titellose Zeit zu beenden, zählt er als Faktor auf. Auch die Diskussionen mit Klubvertretern wie Christoph Spycher oder Stéphane Chapuisat, die ihn davon überzeugten, wie er sich bei YB ent-wickeln kann. «Ich hatte keine Angst vor dem Sprung in die Super League, denn ich wusste, dass ich Fussball spielen kann», sagt er. «Ich sah es nicht als Schwierigkeit, sondern als Möglichkeit, mich zu entwickeln. Ich bin nach wie vor -davon überzeugt, nun am richtigen Ort zu sein.»

Wenn man JP Nsame heute sieht, ist es kaum vorstellbar, dass er in Frankreich den Durchbruch nicht geschafft hat, sondern den Umweg nach Genf nehmen wusste. Es war ein Wechsel, der seine Karriere neu -lancierte. Er sagt: «In meinem Lebensweg war dieses Jahr in Genf nach der Saison 2015/2016, als ich bei Angers kaum zum Einsatz kam, sehr wichtig. Auch um das Land und das Leben hier zu entdecken.» Entscheidend für seine Probleme in Frankreich war mit Sicherheit auch, dass Nsame im -November 2015 wegen eines privaten -Vorfalls ins -Visier der Justiz geriet. Dieser ist zwar bis heute noch nicht abgeschlossen, aber der Stürmer hofft, dass auch die -Gerichte bald zum Schluss kommen, dass er -unschuldig ist. «Die Dinge, die ich in Frankreich erlebt habe, hatten mich mental sehr stark belastet und gefordert», erklärt er nachdenklich, um dann fortzufahren: «Ich bin aber gereift und als Person und Fussballer gewachsen. Ich habe es angenommen und mir immer gesagt: Alles, was ich lebe und erlebe, muss ich leben und erleben. Ich hinterfrage nicht, was mir das Leben bringt, sondern akzeptiere, was mir gegeben wird.» Dies mit der Entschiedenheit, sich zu verbessern, hart zu arbeiten.

«Alles ist perfekt»

Die Schweiz – erst Genf und jetzt Bern – hat sich für Jean-Pierre Nsame als Glücksfall -erwiesen. «Alles ist perfekt», sagt er denn auch. «Aber hinter all dem steckt Arbeit. Wir arbeiten sehr hart, wollen uns perfektionieren, die Details richtig machen. Ich schätze mich glücklich, dies nun alles erleben zu dürfen.» Es sei für ihn ein Traum, in der -Europa League zu spielen, in der höchsten Liga der Schweiz, all diese harten Spiele zu bestreiten – das erlaube ihm, -weiter zu -reifen und sich zu verbessern. Er ruhe sich aber nicht auf einem Spiel aus, -suche stets den Fortschritt. «Ich will das -Maximum aus mir herauszuholen. Ich hoffe, es ist der -Beginn eines Traums, der noch besser wird.»

Die Ziele hat Nsame für die Zukunft definiert. «Titel sind natürlich im Hinterkopf. Wir sind alle Wettkämpfer und wollen -gewinnen, für den Klub Titel holen», sagt er bestimmt. «Man arbeitet immer, um zu -siegen.» Und auf die Frage, was für YB in dieser Saison möglich sei, antwortet er: «Ich denke alles! Auch wenn man natürlich nie weiss, ob, wann und wie viele Verletzungen in einer Saison folgen. Wir müssen einfach weiterhin alles geben. Wir sind auf einer Strasse, die in viele Richtungen führen kann. Aber es braucht den Willen, die Einstellung, hart zu arbeiten.»

Dieser Wille zur Arbeit, dieser Fleiss von Jean-Pierre Nsame wurde in der Schweiz belohnt. Abheben will der Stürmer, dessen Lieblingsklub Real Madrid und Lieblingsspieler Ronaldo ist, aber nicht. Er lebe im Hier und Jetzt, meint er, in der Realität und werde 200 Prozent geben, um mit YB die Ziele zu erreichen. Er weiss, dass man im Fussball Zeit braucht, um nach oben zu kommen, dass es danach aber auch schnell wieder abwärtsgehen kann. Er komme von unten und wolle sich jetzt noch weiter -steigen. Es sei einfach wichtig, Etappe um Etappe zu nehmen und die Leistungen jeweils auch zu bestätigen. «Wenn mir das gelingt, können wir weiterschauen. Jetzt braucht es Arbeit, Arbeit, Arbeit, jeden Tag – und nur das interessiert mich», sagt der 24-Jährige, der auch in seiner -Freizeit viele Extraschichten schiebt, um noch weiter nach oben zu kommen. 

Emotionale Länderspiel-Premiere

Es ist noch nicht lange her, da war Jean-Pierre Nsame im Fussballbusiness eine x-beliebige Nummer. Mit dem Wechsel
zu Servette und dann zu YB wurde das schlagartig anders – und er kam am 4. September gegen Nigeria zu -seinem ersten Länderspiel für Kamerun. «Nach dem Match habe ich viele SMS -erhalten, weil alle wussten, wie glücklich bin», sagt er lächelnd. «Aber es ist für mich nicht mehr als eine wichtige Etappe in meiner Entwicklung.» Für ihn war es ein besonders emotionaler Moment, weil er in Kamerun erstmals nach 18 Jahren seine -leibliche Mutter wieder sah, mit der er -zuvor nur telefonischen Kontakt gehabt hatte. «Ich habe von meiner Familie die Chance erhalten, nach Europa zu gehen, um aufzuwachsen und meine Passion auszüben und heute ist es der Fussball, mit dem ich mein Leben verdiene und durch den ich in meine Heimat -zurückgekehrt bin.» Mit dem Nationalteam stehen die nächsten Ziele an: Die Qualifikation für die WM 2018 -haben «die unbezähmbaren Löwen» zwar verpasst, aber 2019 findet in Kamerun der nächste Afrika-Cup statt, mit dem Gastgeber, für den die Quali nur Formsache zu sein scheint, als Titelverteidiger.

 

Text und Bilder vom Foot - Das Fussball-Magazin der Schweiz aus der Ausgabe 4 (Nov./Dez. 2017)

Text:   Andy Maschek
Fotos: Pius Koller