Grün-weisser Tore-Taumel

Mit dem Meistertitel im Jahr 2000 schaffte der FC St. Gallen eine der grössten Sensationen im Schweizer Fussball. Den Grundstein für den Triumph legte er mit einem verrückten Spiel im Hardturm. Flügelflitzer Sascha Müller erinnert sich.

 Sascha Müller war einer der Stützen der Meistermannschaft 1999/2000. Der Dauerbrenner absolvierte insgesamt 219 Spiele für die Espen und steuerte 17 Tore und unzählige Assists bei.
Sascha Müller war einer der Stützen der Meistermannschaft 1999/2000. Der Dauerbrenner absolvierte insgesamt 219 Spiele für die Espen und steuerte 17 Tore und unzählige Assists bei.

Nach einer Viertelstunde schien die Normalität wieder Einzug gehalten haben im Schweizer Fussball. Die meisten Zuschauer im Hardturm an diesem Freitagabend im März 2000 schauten zufrieden zu, wie sich Torschütze Bernt Haas beglückwünschen liess. Der Verteidiger hatte soeben das 3:0 für die Grasshoppers erzielt, beim Gegner FC St.Gallen waren ratlose Gesichter zu sehen. Das hochkarätige Heimteam schien zum Auftakt der Finalrunde den überraschenden Qualifikationssieger aus der Ostschweiz auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Doch diese Startviertelstunde war lediglich der Auftakt für eines der verrücktesten Spiele der Schweizer Liga.

Für Mittelfeldspieler Sascha Müller war es eine besondere Partie. Als Kind unterstützte er mit seinem Vater zusammen fahnenschwenkend die Blau-Weissen, landete als Spieler aber beim FC St.Gallen. Dort reifte er unter dem neuen Trainer Marcel Koller zu einer wichtigen Stütze. «Dass sich ein Mentalitätswandel anbahnte, merkten wir Spieler schon bei der ersten Teamsitzung», sagt Sascha Müller heute. Mit seiner Ansprache wusste Koller zu beeindrucken. «Zuvor beschränkten wir uns zu sehr darauf, nicht verlieren zu wollen. Bei Koller hiess es klar: Wir wollen gewinnen!» Um die Ambitionen zu unterstreichen, stiessen in der Sommerpause Verstärkungen zum Team: Charles Amoah, Jairo, Giuseppe Mazzarelli oder Ionel Gane etwa – Spieler, die perfekt in Kollers System passten.

In die neue Saison starte der FC St.Gallen mit drei Siegen in Folge. «Euphorie entsteht ja schnell in solchen Situationen, in der Ostschweiz sowieso», lacht Müller. «Aber Marcel Koller hielt immer den Finger drauf, arbeitete sehr detailliert und liess nie locker.» So entwickelte sich ein Team, in dem jeder den einen Schritt mehr machte, seine Aufgaben genau kannte und sich dem Mannschaftsgefüge unterordnete. Zwyssig und Mazzarelli organisierten die Abwehr, Jairo lenkte das Spiel, Sascha Müller riss mit Läufen und Pässen die gegnerische Defensive auf, und Amoah traf und traf. Am Ende der Qualifikation hatte der FCSG, den überhaupt niemand auf der Rechnung hatte, acht Punkte Vorsprung. Aber weil für die Finalrunde die Punkte halbiert wurden, war für die Experten klar: Der Einbruch wird kommen – beginnend mit jener Partie im Hardturm.

«Wir glaubten an unsere Qualitäten», sagt Sascha Müller. «Auch wir wussten, dass dieses erste Spiel wegweisend sein würde. Darauf haben wir hingearbeitet in der Winterpause.» Und dann so ein Start. 0:3 nach einer Viertelstunde. Müller erinnert sich: «Klar, dieser Rückstand nach so kurzer Zeit ist heftig. Aber wir wussten nach der erfolgreichen Qualifikation, dass wir fähig sind, das aufzuholen.» So kam es denn auch. Amoah nutzte einen schweren Schnitzer aus, dieses erste Tor riss das ganze Team mit. Sascha Müller enteilte in seiner unvergleichlichen Art seinem Bewacher, seinen Rückpass verwertet der Rumäne Ionel Gane. Und in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit schaffte Jairo tatsächlich noch den Ausgleich. Pause im Wechselbad der Gefühle.

Auch der zweite Durchgang bot Fussball von höchster Intensität. GC kam zu einigen guten Möglichkeiten, doch der FC St.Gallen verteidigte mit Herz. Die Uhr war schon fast abgelaufen, als Ricardo Cabanas nach einem Freistoss den Ball durch viele Beine hindurch in die Maschen drosch. In jedem anderen Spiel wäre dies die Entscheidung gewesen. Doch dieses St.Gallen wollte sich einfach nicht geschlagen geben. Selbst Torhüter Stiel eilte in der Nachspielzeit in den gegnerischen Strafraum. 92 Minuten waren vorbei, als der Ball noch einmal zu Charles Amoah kam. Der zog blitzschnell ab, das Leder wurde leicht abgefälscht und landete unhaltbar im hohen Eck. Wahnsinn! Der Hardturm stand Kopf, GC-Trainer Roy Hodgson zertrat fluchend den Rasen.

Ein Spektakel, ein Spiel der 1000 Emotionen, nahm sein verrücktes Ende. Die Hoppers lagen am Boden, die Espen tanzten. Der «Tages-Anzeiger» schrieb: «Noch eine halbe Stunde nach dem Schlusspfiff fuhren vor dem Hardturm hupende Autos weg, schien Zürich für einmal Mailand oder Barcelona zu sein, war Fussball hier so schön wie fast noch nie.»

Mit dem Remis wahrte der FCSG seinen Vorsprung auf die Konkurrenz und hielt seinen Lauf durch bis ins Ziel. Nach einer Pause von 96 Jahren krönte sich der FC St.Gallen bereits vier Runden vor Schluss zum Schweizer Meister – eine der grössten Sensationen der eidgenössischen Fussballgeschichte.

«Wir waren viele ‹einfache› Spieler, solche, die noch keine grossen Erfolge feiern konnten. Und deshalb vielleicht hungriger als die Konkurrenz, die wohl die besseren Einzelspieler hatte», so Müller. Der nicht für möglich gehaltene Triumph weckte natürlich Begehrlichkeiten: In der Folge verliessen einige Leistungsträger den Verein. Zwei Jahre nach dem Titel zog auch Trainer Koller weiter, zu den Grasshoppers.

Dort ist mittlerweile auch Sascha Müller gelandet. Er trainiert die U16 von GC. Seine Junioren waren noch nicht auf der Welt, als die Fussballschweiz jenes 4:4 der Superlative erleben durfte. Aber vielleicht bescheren sie dem Schweizer Fussball ja selbst einmal ein so verrücktes Spiel wie damals, an diesem 10. März 2000.

Das wegweisende Spiel zum Auftakt der Finalrunde schien nach einer Viertelstunde bereits verloren. Bernt Haas lässt sich von Hakan Yakin für sein 3:0 feiern.

Das wegweisende Spiel zum Auftakt der Finalrunde schien nach einer Viertelstunde bereits verloren. Bernt Haas lässt sich von Hakan Yakin für sein 3:0 feiern.

Das typische Bild jener Spielzeit: Der Ghanaer Charles Amoah dreht jubelnd ab. Sagenhafte 25 Treffer gelangen ihm auf dem Weg zum Titel!

Das typische Bild jener Spielzeit: Der Ghanaer Charles Amoah dreht jubelnd ab. Sagenhafte 25 Treffer gelangen ihm auf dem Weg zum Titel!

Eine der grössten Sensationen der Schweizer Fussballgeschichte ist perfekt: Baumeister Marcel Koller lässt sich von den begeisterten Anhänger feiern.

Eine der grössten Sensationen der Schweizer Fussballgeschichte ist perfekt: Baumeister Marcel Koller lässt sich von den begeisterten Anhänger feiern.

Heute ist Sascha Müller beim Grasshopper Club Zürich als Trainer der U16-Junioren angestellt.

Heute ist Sascha Müller beim Grasshopper Club Zürich als Trainer der U16-Junioren angestellt.