Herzschlagfinale

Nie war eine Meisterschaftsentscheidung spannender als jene der Saison 1977/78. Vor dem letzten Spieltag durften sich noch vier Teams Titelhoffnungen machen. GC-Legende Raimondo Ponte erinnert sich an das dramatische Finale gegen den FC Basel.

GC
Captain Bigi Meier nimmt den Pokal entgegen. Es ist erst der zweite Titel der Grasshoppers in den letzten 20 Jahren.

Um 21:16 Uhr legte sich eine bedrückende Stimmung über den aus allen Nähten platzenden Zürcher Hardturm. Der Basler Stürmer Markus «Mac» Tanner hatte an diesem Samstag im Mai 1978 soeben zum zweiten Mal getroffen und drehte jubelnd ab. 2:1 führte sein Team nun bei den Grasshoppers. Entsetzen schrieb sich auf die Gesichter der Heimfans, das grosse Bangen und Rechnen begann erneut. Noch 40 Minuten waren zu spielen, die letzten überhaupt jener Saison, die als die spannendste aller Zeiten in die Geschichte einging.

 

In den 70er-Jahren dominierten Discomusik und Langhaarfrisuren, im Schweizer Fussball waren der FC Basel und der FC Zürich tonangebend. Je drei Meistertitel ergatterten sich die beiden Giganten in jenem Jahrzehnt, drei Mal trafen sie zudem im Cupfinal aufeinander. Den stolzen Grasshoppers – schon damals Rekordmeister – blieb in der Nationalliga A zumeist nur eine Nebenrolle. Raimondo Ponte, der 1974 zu GC stiess, erinnert sich: «Auch wenn Basel und Zürich stärker waren, die Rivalität war ungebrochen und viel grösser als heute. Wir GC-Spieler verkehrten zum Beispiel nicht in Lokalen, wo auch FCZler waren.»

GC hatte einen grossen Umbruch hinter sich. Arrivierte Spieler und Stars wurden ausgemustert und durch junge Talente wie Raimondo Ponte ersetzt. Trainer Helmuth Johannsen, einer der alten Schule, verlangte diesen alles ab. «Bevor wir im Training den Ball zu sehen bekamen, sind wir immer erst gerannt, dann gerannt und dann nochmals gerannt», umschreibt es Ponte. Spass habe das nicht immer gemacht, aber konditionell habe man dadurch natürlich Vorteile gegenüber der Konkurrenz gehabt.

Wie ausgeglichen die Liga war, zeigte sich in der Saison 1977/78 besonders deutlich. Vor dem letzten Spieltag der Finalrunde lagen der FCB und GC punktgleich an der Spitze, nur einen Zähler weniger wiesen Lausanne und Servette auf. Und exakt diese beiden Duelle standen noch an! Im Vorfeld wurde eifrig gestichelt. Servettes Umberto Barberis etwa giftelte: «Wenn dieses GC mit seinem Antifussball Meister wird, hänge ich meine Fussballschuhe an den Nagel.» Heute kann Raimondo Ponte darüber lachen: «Es ist doch natürlich, dass man in so einer Situation den Gegner verunsichern will.»

Tatsächlich zeigte das junge GC-Team – keiner auf dem Rasen war älter als 28 – Nerven. 25'000 Zuschauer fanden irgendwie Platz im Hardturm, so viele waren schon eine Ewigkeit nicht mehr gekommen, um die Hoppers spielen zu sehen. Wie auf der Lausanner Pontaise suchten auch in Zürich beide Mannschaften sogleich die Offensive, schliesslich brauchten alle einen Sieg für ihre Meisterträume. Das Resultat waren spektakuläre Partien, emotionale Achterbahnfahrten für die Fans. Über Claudio Sulsers Führungstor konnten sich die GC-Anhänger nur kurz freuen, bald darauf glich «Mac» Tanner für den FCB aus und liess damit auch Lausanne und Servette wieder hoffen, die sich bei einem Remis in Zürich noch hätten an die Spitze setzen können. «Über das Resultat im anderen Spiel waren wir nicht informiert. Wir wussten ja, dass uns ohnehin nur ein Sieg hilft», erklärt Ponte.

Davon war GC aber nach Tanners zweitem Treffer weit entfernt. Zwei Tore fehlten, und die Beine waren nach den knallharten Trainings unter Johannsen und einer langen Saison schwer. Bis ins Halbfinale des UEFA-Cups war GC gestürmt, Raimondo Ponte erwies sich dabei als zuverlässiger Torschütze. Auch gegen Basel war er es, der die Wende herbeiführte. Den Ausgleich erzielte er selber, das 3:2 bereitete er mit einem Steilpass auf den pfeilschnellen «Turbo-Ruedi» Elsener vor. Der FCB stemmte sich vehement gegen die Niederlage, bestürmte ununterbrochen das Tor des jungen Roger Berbig. GC wankte, mobilisierte die allerletzten Reserven, einige Fans konnten nicht mehr hinschauen. Erst in der letzten Minute – der FCB hatte alles nach vorne geworfen – stellte Elseners zweiter Treffer den GC-Meistertitel sicher, erst den vierten in der Nachkriegszeit. Für die Fans gab es kein Halten mehr. Auf der Ehrenrunde wird Goalie Roger Berbig unter einem Pulk begraben und ringt um Luft, Hunderte sind auf dem Platz und sichern sich als Souvenirs an das Herzschlagfinale Cornerfahnen und Rasenbüschel.

Die überbordende Feier in der Kabine bliebt indes aus. «Wir waren ganz einfach zu platt», sagt Ponte entschuldigend. Von den fünf Champagnerflaschen bleiben zwei ungeöffnet, die Spieler versuchen, mit Wasser und Orangensaft wieder zu Kräften zu kommen. Am Tag danach würdigen die Zeitungen im ganzen Land den packenden Titelkampf, in der Schlusstabelle lagen zwischen Meister GC und dem fünftplatzierten FCZ mickrige drei Pünktchen. Als «hervorragende Verlierer» würdigte die «Schweizer Illustrierte» die Basler. Davon zeugte etwa jener Fan im blau-roten Leibchen, der den GC-Goalie vor der Kabine abfing und ehrfürchtig sprach: «Herr Berbig, darf ich Ihnen als Basler zum Titelgewinn gratulieren?»

«Es war überwältigend», schildert Raimondo Ponte die Gefühle, als die Anspannung abfiel. In den Tagen nach der Partie folgt für die GC-Spieler Empfang auf Einladung. «Wir bekamen die Anerkennung, GC endlich wieder zur Grösse verholfen zu haben, deutlich zu spüren.» Es war schliesslich auch deutlich mehr als ein einmaliger Höhenflug: Von nun als war die Mannschaft um Ponte, Sulser, Elsener, Wehrli oder Berbig jene, die es zu schlagen galt. Gelingen wollte das immer seltener, wie die drei Titel in Folge ab 1982 eindrücklich bewiesen. Der Grundstein dafür wurde an jenem 27. Mai gelegt, am Tag der spannendsten Meisterschaftsentscheidung in der Geschichte des Schweizer Fussballs.

Trainer Helmuth Johannsen

Der Baumeister des Erfolgs: Der deutsche Trainer Helmuth Johannsen, hier mit seiner jungen Mannschaft.

Team

Die Spieler sind zu müde zum Feiern. Immerhin stösst Basel-Trainer Helmut Benthaus mit seinem Kontrahenten an.

Raimondo Ponte

Mit GC holte Raimondo Ponte drei Mal die Meisterschaft und zwei Mal den Cup.

Hans Küng

Die spielentscheidende Szene: FCB-Torhüter Hans Küng kann den Schuss von Ruedi Elsener nicht abwehren.