An Wunder muss man glauben

Vor der Saison wurde der FC Luzern als Abstiegskandidat gehandelt. Am 10. Juni 1989 war die Sensation perfekt: 24'000 Zuschauer erleben eine unvergessliche Nacht und feiern den ersten und einzigen Meistertitel der Vereinsgeschichte.

Vor Beginn der Saison 1988/89 sind sich die Fussball-Weisen des Landes in einem Punkt einig: Für den FC Luzern, der es im Jahr zuvor nur mit Hängen und Würgen in die Finalrunde geschafft hat, wird es eine sehr schwere Spielzeit werden. Wichtige Leistungsträger wie Nationalspieler Andy Halter haben den Verein verlassen, namhafte Zuzüge konnten nicht vermeldet werden. Der FCL gilt als Transferverlierer und wird in sämtlichen Saisonvorschauen als Abstiegskandidat gehandelt.

 

Eine Halbzeit voller Spannung

Ein knappes Jahr später lesen sich diese Artikel wie ein Hohn. Es ist der 10. Juni 1989, und den Luzerner genügt im Heimspiel gegen Servette ein Punkt, um den Meistertitel einzufahren. Es wäre der erste überhaupt für den Klub, der stets zwischen NLB und NLA hin- und herpendelte. 24'000 fanatische Zuschauer stärken dem FCL den Rücken – eine eindrucksvolle Kulisse für eine unvergessliche Allmend-Nacht. Schon drei Stunden vor Anpfiff ist die Stimmung im brechend vollen Stadion am Überkochen. Sogar der Himmel ist gerührt. Er weint den ganzen Abend Freudentränen. Nach einer Stunde nimmt sich Regisseur Jürgen Mohr, der während der ganzen Saison seine Stürmer mit meisterhaften Zuspielen in Position gebracht hat, die Freiheit, das 1:0 selber zu erzielen. Die Allmend bebt. Doch selbst dieser knappe Vorsprung macht die Spannung nicht erträglicher. Eine letzte halbe Stunde Zittern beginnt.

 

Jürgen Mohr

Das Unmögliche geschafft: Spielmacher Jürgen Mohr (2. von rechts) sichert dem FCL mit seinem Tor den Titel.

Die ganze Innerschweiz glaubt ans Unmögliche

Was den FCL zum Saisonstart in den Augen der Experten zum Kanonenfutter machte, erwies sich als seine grosse Stärke. Die Medien übertrafen sich gegenseitig mit Lobeshymnen. Die Intelligenz des FC Luzern, sein mutiger Entscheid, beim Transferwahnsinn nicht mitzumachen – schliesslich spielen in der Liga zu jener Zeit Weltstars wie Karl-Heinz Rummenigge –, sei der Schlüssel zu diesem sensationellen Erfolg gewesen. «Es war eine verrückte und ungemein emotionale Saison», erinnert sich der damalige FCL-Präsident Romano Simioni. «Unsere grosse Stärke war, dass sich die ganze Innerschweiz leidenschaftlich mit dem FC Luzern identifizierte. Die ganze Region stand hinter uns und glaubte ans Unmögliche.»

 

Romano Simion

23 Jahre stand Romano Simion dem FC Luzern als Präsident vor.

Unsere Stärken

Zwei Akteure ragen aus dem starken FCL-Kollektiv heraus. Im Mittelfeld blüht der Deutsche Jürgen Mohr in seinem dritten Jahr auf der Allmend so richtig auf. Mit magistraler Übersicht führt der blonde Supertechniker den FCL von Sieg zu Sieg. Vorne im Sturm spielt der junge Peter Nadig die Saison seines Lebens. Immer, wenn ein entscheidendes Tor nötig ist, ist der lange Basler, der zum Fussballer des Jahres gewählt wird, zur Stelle. Zum Abschluss der Qualifikationsrunde grüsst der FCL von Platz eins und überzeugt dabei selten durch Spektakel, sondern mit gnadenloser Effizienz. In der Finalrunde wurde Luzerns Trefferquote einzig von der AC Bellinzona unterboten. «Unsere Stärken waren andere», sagt Simioni. «Die phänomenale Heimstärke, die mannschaftliche Geschlossenheit, der generöse Einsatzwille, die Disziplin.» In 36 Spielen gesteht der FC Luzern seinen Gegnern nur 36 Tore zu.

 

Peter Nadig

Peter Nadig spielte die Saison seines Lebens. Mit 15 Treffern hatte er erheblichen Anteil am Triumph.

Auch Servettes Angriffe verebben an diesem letzten Spieltag immer wieder in der vielbeinigen Luzerner Defensive. Zehn Minuten vor dem Ende stockt dem Publikum der Atem: Eine Flanke segelt in den Strafraum des Heimteams und Karl-Heinz Rummenigge, der deutsche Weltstar, der am diesem Abend sein allerletztes Spiel absolviert, setzt einen Fallrückzieher an den Innenpfosten.

 

Die letzte Schrecksekunde

10 Minuten vor Schluss eine letzte Schrecksekunde: Weltstar Karl-Heinz Rummenigge, der im Dress der Grenats das letzte Spiel seiner Karriere absolviert, setzt den Ball mit einem Fallrückzieher spektakulär an den Innenpfosten. Längst hält es keinen mehr auf der Bank, auch Trainer Friedel Rausch tigert umher und gibt unentwegt Anweisungen. «Wenn ich eine Mannschaft trainiere, dann will ich mit ihr Meister werden», hatte der Deutsche zu Saisonbeginn mit frecher Schnauze verkündet. Niemand nahm den Sprücheklopfer ernst. Auf der Allmend jedoch entfachen Rauschs Worte eine gewaltige Wirkung. Vor allem die jungen einheimischen Spieler blühen auf. Stefan Marini, Herbert Baumann, Urs Birrer, Hanspeter Burri – sie alle finden unter Rausch den Weg in die Nationalmannschaft. 

 

ausländischen TV-Stationen

Die Euphorie der FCL-Fans kannte keine Grenzen. Selbst ausländischen TV-Stationen waren die heissblütigen Anhänger ein Bericht wert.

Fussballwunder

«Friedel Rauschs unerschütterlicher Glaube an die eigenen Stärken war für unsere Mannschaft Gold wert», sagt Simioni. «Mit jedem kleinen Erfolg wuchs unser Selbstvertrauen, immer mehr begannen wir, an das Fussballwunder zu glauben.» Als die millionenschwere Konkurrenz aus Zürich, Genf und Neuenburg endlich begreift, dass Luzerns Leistungen kein von Glück bedingtes Zufallsprodukt sind, ist es bereits zu spät. Der Underdog aus der Leuchtenstadt ist nicht mehr zu stoppen.

 

Ausländische Fernsehteams

Die letzten Minuten des Spiels werden zu einem eruptiven Ausbruch grenzenloser Euphorie. Der Schlusspfiff besiegelt eine der grössten Sensationen der Schweizer Fussballgeschichte. Überhaupt, die Atmosphäre: Was von Luzerns Meistersaison bis heute wohl am meisten in Erinnerung geblieben ist, was sogar ausländische Fernsehteams auf die Allmend gelockt hat, um über das «Phänomen Luzern» zu berichten, ist die sagenhafte Stimmung, die den FCL zum Titel getragen hat. 

 

Meistertitel

Im Luzerner Dauerregen sehnt Trainer Friedel Rausch den Schlusspfiff der Partie gegen Servette herbei. Der Meistertitel mit dem FCL war der unerwartetste Erfolg in der Karriere des kürzlich verstorbenen Deutschen.

Meistersaison

Bezeichnend hierfür die letzte Szene des Abends, mit der sich der junge Hanspeter Burri unsterblich macht. Während der offiziellen Zeremonie, die vor der Haupttribüne durchgeführt wird, reisst er plötzlich den Pokal an sich und rennt mit ihm quer über den Platz. Ein 50-Meter-Sprint für die Ewigkeit. Romano Simioni bekommt heute noch Hühnerhaut, wenn er die Bilder sieht: «Burri spürte instinktiv, dass das Objekt der Fussball-Begierde auf die andere Seite des Stadions gehört. Dorthin, wo die treuesten der treuen Fans standen. Diejenigen, die unsere Meistersaison zu etwas Einmaligem gemacht haben.»