Den Riesen gestürzt

Im UEFA-Cup 1995/96 schaffte der FC Lugano eine der grössten Sensationen der Schweizer Fussballgeschichte und schaltete das grosse Inter Mailand aus. Doppeltorschütze Edo Carrasco erinnert sich.

FC Lugano
Freude und Genugtuung: Edo Carrasco nach dem Schlusspfiff. (RDB by Dukas)

Im Italienischen gibt es ein Wort dafür, wenn zwischen zwei Mannschaften ein Klassenunterschied besteht. «Impresa» sagt man dazu. Es wurde oft verwendet, als der FC Lugano im UEFA-Cup 1995/96 Inter Mailand zugelost bekam. Bei den Italienern spielten zu jener Zeit Weltstars wie Javier Zanetti, Roberto Carlos, Giuseppe Bergomi oder Marco Delvecchio. Es war ein erster Eindruck davon, welche grossen Ambitionen der umtriebige Besitzer Massimo Moratti mit seinem Verein hatte. Die Tessiner hatten immerhin Mauro Galvão in ihren Reihen, brasilianischer Nationalspieler und vielleicht der beste Verteidiger, der je in unserer Liga auflief. Und Igor Shalimov, der von Gegner Inter ausgeliehene und ebenso brillante wie schlampige Russe. Ihnen zur Seite standen mehrheitlich Spieler, die im Cornaredo aufgewachsen waren. Leute wie Gentizon, Belloni, Penzavalli oder Colombo. Oder Edo Carrasco. Für die Tessiner Fans waren es schlicht «unsere Jungs».

Der Name Edo Carrasco wird auf ewig mit jenen beiden Toren verbunden bleiben. Eines im Hinspiel in Lugano, als er beim 1:1 einen Eckball direkt verwandelte; eines im San Siro, ein Freistoss. Im Flutlicht der riesigen Arena traf er aus unmöglicher Position, wenige Minuten vor Schluss. Sein Schuss wurde von vielen Beinen abgelenkt und passierte irgendwie Torhüter Pagliuca. Zum siegbringenden Tor von damals sagt Carrasco heute: «Es war, als ob der Ball von irgendwo gesteuert wurde.» Vom Himmel vielleicht, wer weiss. Tatsächlich war es aber sein rechter Fuss, der die glückliche Flugbahn vorgegeben hatte.

Noch heute denkt Carrasco oft an jene Partien gegen Inter, an seine Tore. Er sagt: «Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir das Hinspiel im Cornaredo. Weil das war mein Cornaredo, mein Stadion.» Vom Rückspiel hingegen ist ihm nur noch der krönende Schluss präsent. Das Tor, die überbordende Freude auf dem Rückweg nach Lugano, der – begleitet von der Polizei – nur gerade eine halbe Stunde dauerte. An die Inter-Spieler denkt er mit gemischten Gefühlen zurück: «Einige von ihnen, vor allem Pagliuca, gaben sich uns gegenüber sehr arrogant. Ehrlich gesagt war ich ziemlich enttäuscht vom Auftreten der Inter-Spieler.» Es habe auch Ausnahmen gegeben. Roberto Carlos etwa, der trotz seines Status grosse Demut zeigte, oder der stets vorbildliche Javier Zanetti.

«Wir fühlten uns klein und unbedeutend neben dem grossen Inter», gibt Carrasco freimütig zu. Nur wenige Luganesi hätten zuvor bereits internationale Erfahrung sammeln können. Nur die besten der Liga durften im Europacup mittun, und Lugano gehörte selten dazu. Erst zu vierten Mal in seiner Geschichte erlebte der FC Lugano europäische Nächte. Grosser Optimismus herschte dementsprechend nicht vor der Partie gegen den Giganten aus Mailand, erinnert sich Carrasco: «Wir hätten nie gedacht, dass wir Inter eliminieren können, auch nicht nach dem 1:1 im eigenen Stadion. Unser Ziel war, im Rückspiel möglichst gut dagegenzuhalten. Stattdessen haben wir gewonnen. Dank unserem guten Teamgeist und unseren zwei herausragenden Spielern, Galvão und Shalimov.» Die letzten wütenden Angriffe der Nerazzurri verpuffen noch vor dem Strafraum der Luganesi, die mit Mann und Maus und viel Herz verteidigen. Nach dem Schlusspfiff gibt Inter-Torwart Pagliuca zu Protokoll: «Carrasco hat mir die schlimmsten Momente meiner Karriere beschert. Zwei so dumme Tore habe ich noch nie hintereinander vom gleichen Spieler kassiert. Wir haben in der Kabine vor Verzweiflung geweint.» 

Grossen Anteil an diesem Coup hatte natürlich auch Trainer Roberto Morinini, ein schwer einzuschätzender Mann. «Kaum war das Spiel zu Ende, hielt er eine ernste Ansprache und erinnerte uns daran, uns nun sofort auf das anstehende Spiel in St. Gallen zu konzentrieren», schmunzelt Carrasco. So sei Mornini gewesen: Gefühle habe er nie gezeigt, und er habe einen unbändigen Ehrgeiz gehabt. «Aber ich weiss, dass er sehr glücklich war nach jenem Abend», so Carrasco weiter. Beim Händeschütteln habe Morinini kurz die Faust geballt, für seine Verhältnisse grosse Emotionen. Seine Spieler lebten sie etwas anders aus. Das Bild von Goalie Philipp Walker, dessen Freude sich in einem lauten und langen Schrei entlud, ging um die Welt. Edo Carrasco sank ungläubig grinsend auf die Knie.

Den Schwung des sensationellen Erfolgs vermochte der FC Lugano indes nicht in die nächste Runde mitzunehmen. Slavia Prag bedeutete Endstation, und damit ist der Coup gegen Inter bis heute der letzte europäische Erfolg der Tessiner. Wenn die Tifosi in den von Rückschlägen geprägten letzten Jahren eine Aufmunterung brauchten, dachten sie gerne und oft an jene Partien zurück, an die Patzer des überheblichen Pagliuca, an den ausgelassenen Jubel von Edo Carrasco. Er ist im Tessin nach wie vor präsent, als Experte im Fernsehen, aber auch als Präsident der Stiftung «Il Gabbiano», die sich Jugendlichen in Schwierigkeiten annimmt.

Spiel gegen Inter Mailand

Einer von vielen Einheimischen im damaligen Team des FC Lugano: Christian Colombo spielte 10 Jahre lang für die Bianconeri. (RDB by Dukas)

Trainer

Unter Roberto Morinini knüpfte der FC Lugano endlich wieder an vergangene Erfolge an. Der «Mister» ist 2012 seinem Krebsleiden erlegen. (Keystone)

WM-Finale

Ein Jahr zuvor hütete Gianluca Pagliuca das Tor der Italiener im WM-Finale. Gegen Lugano war er der Sündenbock. (RDB by Dukas)