Party im Boccia-Hüsli – als YB 1986 Meister wurde

Die Berner Young Boys feiern ihren ersten Meistertitel seit 1986. Im Mai vor 31 Jahren sicherten sich die Berner mit einem Sieg gegen das favorisierte Xamax vorzeitig den Titel. Ein frecher Däne, ein beleibter Schwede und eine kleine Hütte gehören zur Geschichte des letzten Berner Meistertriumphs.

Die Super League-Saison begann, wie es sich die YB-Fans gewünscht hatten: Heimsieg gegen Basel, Auswärtssieg gegen GC, Euphorie in Bern und Platz für Träume der Fans: „Wer reserviert das Boccia-Hüsli?“, schrieb ein Berner Anhänger in ein Online-Forum und schlug damit einen grossen Bogen zurück in der Geschichte der Young Boys.

 

Bis zur Winterpause Mittelmass

Es ist Mitte der Achtzigerjahre. Deutschland besteht aus BRD und DDR, in der Schweizer LP-Hitparade steht Peter Reber mit „Jede brucht sy Insel“ an der Spitze, in Tschernobyl kommt es zur Nuklearkatastrophe. YB ist in der Saison 1985/86 ein Mittelfeldklub der damaligen Nationalliga A, ins Wankdorf kommen zu einem Spiel gegen Basel gerade mal 3800 Zuschauer. Es dominieren Servette und GC, das Team der Stunde ist Xamax Neuchâtel mit dem Geld von Bauunternehmer und Präsident Gilbert Facchinetti, Trainer Gilbert Gress und Stars wie Heinz Hermann, Uli Stielike und Don Givens. YB legt eine mittelmässige Vorrunde hin, auf Rang 5 geht es in die Winterpause.

 

jubelnde Fans

Der Baumeister des Erfolgs: Der polnische Trainer Aleksander Mandziara führt sein Team ein Jahr später auch noch zum Cupsieg.

Robert Prytz: Der vermeintliche Car-Chauffeur

Die Verstärkung für die Rückrunde kommt aus Schweden. Aber in Bern ist man skeptisch gegenüber diesem Robert Prytz, von dem die meisten nicht mal wissen, wie man seinen Nachnamen richtig ausspricht. An einem Hallenturnier in Genf läuft Prytz erstmals im YB-Trikot auf, und man ist sich nicht sicher, ob der Schwede die Mannschaft verstärken kann. „Er war, um es charmant zu sagen, nicht gerade austrainiert, eher rundlich“, erinnert sich der damalige YB-Sportchef Walter Eichenberger einige Jahre danach. Ein Berner Journalist spekuliert, ob sich YB mit Prytz nicht eher einen neuen Car-Chauffeur geholt habe.

 

Eindrücklicher Steigerungslauf

Doch Prytz steuert nicht den Bus, er lenkt das Spiel der Berner. Und wie. Trainer Alexander Mandziara macht den Schweden mit Trainings-Sondereinheiten fit, Prytz wird zum Königstransfer. An der Seite von Georges Bregy ist er in der Rückrunde der Motor der Young Boys, die eine Siegesserie hinlegen. Goalie Urs Zurbuchen, Libero Jean-Marie Conz, Innenverteidiger Martin Weber, Georges Bregy und eben Robert Prytz bilden die starke Achse, vorne wirbeln die jungen Stürmer Dario Zuffi und der vorlaute bis freche Lars Lunde. YB steigert sich von Spiel zu Spiel, gerät in einen Rausch.

Spieler mit Ball

Die Krönung für eine Legende: 15 Jahre spielte Captain Jean-Marie Conz insgesamt für die Young Boys, 1986 durfte er endlich die Meistertrophäe stemmen.

Schlüsselspiel gegen den Rekordmeister

Knackpunkt der Saison ist das YB-Heimspiel gegen GC im April 1986. Es schüttet wie aus Kübeln über dem Wankdorfstadion. Trotzdem kommen 32 700 Zuschauer, soviel wie nie in 20 Jahren zuvor an ein Meisterschaftsspiel in der Schweiz. YB spielt gross auf, schlägt den Rekordmeister mit 3:0. „Nun hatten wir das Gefühl, dass uns niemand stoppen kann“, sagt Lars Lunde im Rückblick.

Showdown auf der Maladière

So ist es dann auch. YB siegt und siegt, und der Rückstand auf Leader Xamax schmilzt, bis Ende Mai feststeht: Gewinnt YB in der vorletzten Meisterschaftsrunde in Neuenburg, geht der Meisterpokal nach Bern. „Wir sind sehr selbstsicher nach Neuenburg gefahren“, erinnert sich der damalige YB-Captain Jean-Marie Conz. Die alte Maladière ist am 24. Mai 1986 mit 21 500 Zuschauern ausverkauft. Xamax geht nach 5 Minuten zwar durch einen Freistoss Roger Küffers in Führung, doch Dario Zuffi gelingt nur 3 Minuten später der Ausgleich. Die Young Boys verlegen sich aufs Kontern. Zweimal Lars Lunde und noch einmal Zuffi treffen zum 4:1. Die Überraschung ist perfekt, die Berner feiern den ersten Meisterschaftstitel seit 26 Jahren.

Jubelszene des BSC Young Boys

Sie führten YB gegen Xamax zum bislang letzten Meistertitel: Die Doppeltorschützen Dario Zuffi (links) und Lars Lunde.

Und in Bern?

Nach der Rückkehr aus Neuenburg warten beim Wankdorfstadion lediglich einige Dutzend Fans auf die Berner Spieler. In der Stadt gilt zwar Freinacht, aber viel sei nicht los gewesen, erzählen Zeitzeugen. Die offizielle Titelfeier der Mannschaft geht einige Tage später im Restaurant Bären im Vorort Ostermundigen über die Bühne, in gesittetem Rahmen.

Jubelszene Spieler mit Fans

Nach 26 Jahren darf man in Bern endlich wieder einmal jubeln. Riesig die Freude bei Georges Bregy (mit Pokal) und den YB-Fans.

Die intime Meisterfeier

Die Feier hingegen, von der heute noch viele reden, fand in der Nacht nach dem Xamax-Spiel anderswo statt: Im Boccia-Hüsli, einer Hütte zwischen zwei Trainingsplätzen, hinter der Haupttribüne des Wankdorf-Stadions. Es war „klein und spontan“, erinnert sich Martin Weber, „aber auch lang und fröhlich, einfach wunderbar.“ Rund 30 Personen feierten im Hüsli, in dem sich YB-Spieler damals auch nach dem Training trafen. Es floss viel Bier, die Spieler liessen Pizza liefern und Georges Bregy machte immer wieder seinen Stuhltrick: Über einen Stuhl laufen und dann stehend darauf eine halbe Drehung. „Es war ok“, denkt Lars Lunde zurück, „aber möglicherweise war ich damals noch zu jung, um zu realisieren, was dieser Titel für mich und für YB bedeutete“, sagte er vor einem Jahr der Berner Zeitung.

Mannschaftsfoto

Die Meistermannschaft 1986/87: Nichts deutete darauf hin, dass man in Bern danach über 30 Jahre vergeblich auf einen weiteren Meistertitel warten müsse.

Ein Revival?

Der Titel bedeutete viel für den Verein – und weil seit 31 Jahren keine weitere Meisterschaft dazukam, bringen YB-Fans eben heute noch das Boccia-Hüsli ins Spiel, wenn es um Titelträume geht. Es wurde beim Bau des Stade de Suisse abgerissen. Sollten die Berner in dieser Saison auf Meisterkurs bleiben, müsste der Verein das Hüsli aus Nostalgiegründen eigentlich nachbauen. YB-Fans könnten dann ein „Reserviert“-Schild aufhängen.