Kopf oder Zahl im Meistercup

Gleich die erste Europacup-Teilnahme wurde für den FC Zürich zum Triumph. Dank einer Münze und einem Goalie-Reflex im Mittelkreis.

Klaus Stürmer
Zum ersten Mal seit 40 Jahren konnte der FC Zürich 1963 den Schweizer Meistertitel erringen. Erheblichen Anteil daran hatte der ehemalige deutsche Nationalspieler Klaus Stürmer.

Da standen sie nun im Anspielkreis, bereit für den vierten Akt in einem Drama: der Schiedsrichter und die Captains des FC Zürich und Galatasaray Istanbul. 300 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt gespielt und noch immer war nicht klar, wer ins Meistercup-Viertelfinale einziehen würde. 1963 sah das Reglement noch kein Elfmeterschiessen bei Gleichstand vor. Die Entscheidung auf eine Art fallen, die heute geradezu absurd anmutet: mit dem Wurf einer Münze. Es war die finale Pointe eines Duells, in dem die beiden Teams nichts schuldig blieben. Mit Ausnahme der Rechnung für das Zürcher Fünfsternehotel, in dem Galatasaray logierte, wie sich FCZ-Präsident Edi Nägeli nach dem Besuch der Türken echauffierte.

Der Beginn einer Ära

Unter dem legendären Präsidenten begann die grosse Zeit des FC Zürich. Zum ersten Mal seit 40 Jahren holte man sich den Meistertitel, entsprechend gross war die Vorfreude auf die Partien im Meistercup, dem Vorläufer der Champions League. Die Iren aus Dundalk waren noch keine echte Prüfung gewesen, doch in Runde 2 wartete mit Galatasaray ein anderes Kaliber.

Köbi Kuhn

Der FC Zürich etablierte sich wieder als Spitzenteam und feierte mit Spielern wie Köbi Kuhn oder Fitz Künzli (Bild) viele Meistertitel und Cupsiege.

Zerren hier, Tätlichkeiten dort

Schon das Hinspiel im ausverkauften Letzigrund war voller Tempo, Dramatik und Fouls. Der «Sport» schrieb: «Die harten Rencontres, Unsauberkeiten und vor allem die versteckten Unsportlichkeiten, vom Halten und Zerren an den Leibchen über Tritte in die Beine bis zu Tätlichkeiten, mehrten sich so sehr, dass der Match jede fussballerische Schönheit verlor.» FCZ-Verteidiger Werner Leimgruber erinnert sich an die hart geführte Duelle: «Ich war ein fairer Spieler, aber die Gegner sagten nach Zweikämpfen oft, es tue ihnen etwas weh – wahrscheinlich hatte ich einfach zu harte Knochen.» Dank Toren von Rosario Martinelli und des Deutschen Klaus Stürmer gewann der FCZ 2:0. Ein trügerisches Resultat. Stürmer sagte gleich nach dem Spiel mit geschwollener Oberlippe: «Die Türken haben uns unmissverständlich mitgeteilt, was in Istanbul zu erwarten ist.»

 

Rosario Martinelli

Das Duell mit Galatasaray ging über drei Spiele, eine Verlängerung und einen Münzwurf. Hier jubelt Ernst Meyer über das Führungstor von Rosario Martinelli im Letzigrund. (Foto: RDB by Dukas)

Fans provozieren einen Handspenalty

Besorgt war auch die Uefa. Sie richtete einen schriftlichen Appell an die Teams, bat um eine fairere Spielweise und schickte einen Inspektor nach Istanbul. Auf das, was im Rückspiel folgte, waren aber weder er noch die FCZ-Spieler vorbereitet. Es lief die 49. Minute, Galatasaray führte 1:0. Da ertönte ein Pfiff. FCZ-Verteidiger René Brodmann dachte, das Spiel sei unterbrochen, und nahm im eigenen Strafraum den Ball in die Hand. Dumm nur: Der Pfiff war aus der Trillerpfeife eines Zuschauers hinter dem Zürcher Tor gekommen. Der Schiedsrichter pfiff erst darauf hin: Penalty. Metin Oktay verwandelte ihn zum 2:0. Und so kam es – wie damals üblich – zu einem Entscheidungsspiel. Mit dem Austragungsort Stuttgart waren die Türken nicht einverstanden, und so ging der letzte Akt dieses Dramas in Rom über die Bühne.

 

Exil-Spiel in Rom

Und was für einer: Im bitterkalten Beton-Rund des Flaminio-Stadions verloren sich an diesem vorweihnachtlichen Nachmittag lediglich einige hundert Besucher – so wenige wie noch nie an einem Europacupspiel. Die Türken versuchten sie auf ihre Seite zu ziehen, in dem sie vor dem Spiel Süssigkeiten auf die leeren Ränge warfen. Es blieben die einzigen Geschenke. Denn auch die dritte Begegnung war hart umkämpft. 1:1 stand es nach 90 Minuten. In der Verlängerung legte Galatasaray vor, ehe Ferdy Feller in der 118. Minute zur Mitte flankte und Werner Leimgruber zum 2:2 einköpfte. «Das war einer meiner wichtigsten Treffer», sagt der heute 83-Jährige, der 13 Spielzeiten für die Stadtzürcher aufgelaufen war.

 

Werner Leimgruber

367 Spiele absolvierte Werner Leimgruber für den FCZ. Die Europacup-Fights gegen Galatasaray haben auch in seiner Erinnerung einen besonderen Platz.

Die Münze und die Finte der Türken

Und so musste nach einem epischen Duell tatsächlich eine Münze den Weg in die Viertelfinals weisen. Der italienische Schiedsrichter Adami bat die Captains Werner Schley und Turgay, die beiden Goalies, zu sich. Adami warf die Münze in die Höhe. Kaum war sie im Rasen gelandet, stiess der türkische Captain einen triumphierenden Freudenschrei aus und wollte sich das Geldstück schnappen. FCZ-Goalie Werner Schley aber durchschaute den Trick seines Contreparts und hielt ihn geistesgegenwärtig am Arm zurück. Schiedsrichter Adami setzte einen Fuss auf die Münze und hob sie hoch – der FCZ hatte gewonnen! «Das war Wernis beste Reaktion in seiner ganzen Karriere», sagte Köbi Kuhn Jahrzehnte später.

 

Saison 1963/64

Sensationell erreichte der FCZ in der Saison 1963/64 die Halbfinals im Meistercup. Real Madrid mit seinen Weltstars Ferenc Puskás, Alfredo Di Stefano oder Francisco Gento bedeuteten Endstation.

Karrierehighlight Real Madrid

Der Lauf des FCZ ging weiter. Im Viertelfinal besiegte er den PSV Eindhoven. Im Halbfinal wartete eines der besten Teams der damaligen Zeit: Real Madrid mit Ferenc Puskás, Alfredo Di Stefano und Francisco Gento. «Das waren alles Profis. Wir hingegen trainierten nur drei Mal pro Woche. Ich arbeitete täglich neun Stunden als Sanitärmonteur», erinnert sich Leimgruber. 2:1 gewannen die Spanier im Letzigrund, 6:0 das Rückspiel im Bernabéu. Leimgruber ist einer der wenigen Spieler dieser goldenen FCZ-Generation, der noch lebt. Über die damalige Meistercup-Kampagne sagt er: «Diese Spiele waren Höhepunkte meiner Karriere. Ich werde sie nie vergessen.»