Verkehrte Welt

Klare Verhältnisse: Zum Saisonstart schickte der FC Sion den hochambitionierten FC Basel im Sommer 2001 mit einer 8:1-Packung nach Hause. Sion-Urgestein Marc Hottiger erinnert sich.

Marc Hottiger
Zu seinen Glanzzeiten gehörte Marc Hottiger zu den besten Verteidigern der Schweiz. Nach Jahren in der Premier League liess er seine Karriere beim FC Sion ausklingen. (RDB by Dukas)

Es gibt Tage im Leben, die es besonders gut meinen mit einem: Da steht jede Ampel auf Grün, da gibts in der Kantine auch um 13.30 Uhr noch etwas zu essen, da landet jeder Schuss ins Tor. Der 4. Juli 2001 war im Wallis ein solcher Tag. Er gipfelte mit einem Sturmlauf im Stade de Tourbillon.   

Der gerade verpflichtete Brasilianer Moreira brauchte gerade einmal fünf Minuten für seine rot-weisse Tor-Premiere, ein klassischer Abstauber.

Aussenverteidiger Grégory Duruz zimmerte nach einer halben Stunde den Ball mit seinem schwächeren rechten Fuss volley von der Strafraumgrenze ins Netz. Das Traumtor sollte für immer sein einziger Treffer im Profifussball bleiben.

Dem französischen Stürmer Julien Poueys – in der Saison zuvor hatte er lediglich einmal getroffen – gelang in der zweiten Halbzeit innert sieben (!) Minuten ein Hattrick. Der für Poueys eingewechselte Samuel Ojong – er war wegen seines Landsmanns, dem kamerunischen Bierbrauer und Sion-Präsidenten Gilbert Kadji ins Wallis gekommen – gelang genau dasselbe Kunststück.

Etwas mehr als 16 Jahre wiederum sind seit diesem denkwürdigen 8:1 gegen den FC Basel vergangen. Es war ein Spiel, von dem auch Marc Hottiger, der damals 33-Jährige und einzige Spieler im Walliser Team mit internationaler Erfahrung, heute noch sagt: «Es ist eines der speziellsten Spiele, die ich je erlebt habe.» Der Waadtländer war schon in den früheren 90ern beim FC Sion. An der WM 1994 bildete er mit seinen Teamkollegen Geiger, Herr und Quentin die Viererkette von Roy Hodgson, bevor er als erster Schweizer in die Premier League wechselte. Die letzten Jahre der Karriere verbrachte Hottiger nun wieder in Sion. Er ist auf die alten Tage in die Innenverteidigung gerückt an Seite der jungen Walliser Sarni und Grichting.

Hottiger erinnert sich, wie im Vorfeld der Partie wenig auf einen Sieg, geschweige denn einen Kantersieg, hingedeutet habe. Basel habe damals schon eine sehr gute Mannschaft gehabt. «Sie waren vor allem physisch sehr stark mit Spielern wie Benjamin Huggel oder George Koumantarakis.» Vor dem Ligastart sei es auch stets sehr schwierig, weil niemand wisse, wo man stehe. Die Partie beginnt denn auch so, wie man es eher erwartet hätte. Basel übernimmt gleich das Zepter, bereits kurz nach Anpfiff lässt Murat Yakin eine Grosschance aus. «Da wäre alles anders geworden», wird FCB-Trainer Christian Gross später sagen.

Es folgte aber der Walliser Torreigen. «Die Bälle gingen einfach alle rein, wir wussten nicht warum. Zum Teil waren die Treffer wunderschön. Alles gelang uns! Wir waren unglaublich effizient», blickt Hottiger zurück. Auch der Verteidiger eilte nun regelmässig nach vorne. Die 6250 Zuschauer an diesem lauen Sommerabend forderten immer noch ein Tor von Laurent Rousseys Team – und sie bekamen es. Je grösser der Vorsprung, desto befreiter fühle man sich, ergänzt Hottiger. Man schwebe wie auf einer Wolke.

Wenn sich die eine Mannschaft in einen Rausch spielt, bedeutet das meistens, dass die andere keinen Fuss vor den anderen bekommt. So erging es den mit grossen Ambitionen in die Saison gestarteten Baslern. Gigi Oeri war zwei Jahre zuvor als Mäzenin eingestiegen und hievte den FCB in neue finanzielle Sphären. Seit Kurzem war der schmucke St.-Jakob-Park die neue Heimstätte, nun sollte sich auch der sportliche Erfolg einstellen. Doch die Saisonpremiere war vom Pech verfolgt. Verteidiger Oliver Kreuzer sagte, man habe wie eine Amateurmannschaft gespielt. Die «Basler Zeitung» schrieb von einem «Offenbarungseid», der «Blick» von einer «Nacht der Schande». Sinnbildlich dafür waren die zwei sehr strengen gelben Karten gegen Hakan Yakin – eine nach einem kleinen Rempler gegen Goalie Borer, die nächste nur eine Minute danach, weil er ebendiesem beim Auskick den Weg versperrte.

Über eine Saison hinweg gilt im Fussball aber häufig das Ying-Yang-Prinzip. Alles gleicht sich irgendwann wieder aus. Und so holte der FCB am Ende der Saison seinen ersten Meistertitel seit 27 Jahren und läutete eine im Schweizer Fussball noch nie dagewesene Ära der Dominanz ein, die bis heute nur kurzzeitig vom FC Zürich unterbrochen wurde. Sogar das 8:1 machten die Basler drei Jahre später wett, indem sie ihren grössten Ligakonkurrenten GC mit genau diesem Ergebnis aus dem St.-Jakob-Park ballerten.

Beim FC Sion wiederum wäre man in dieser Zeit vielleicht froh gewesen, hätten die Stürmer das eine oder andere Tor aufgespart für den Rest der Saison. Die Qualifikation für die Finalrunde schafften die Walliser zwar, im Frühling von Hottigers letzter Saison dagegen holten sie noch mickrige vier Punkte. Auch die ausbleibenden Lohnzahlungen und Finanzprobleme dürften auf die Moral der Spieler geschlagen haben. Ende Saison wurde Sion zwangsrelegiert. Die Sternstunde des Klubs stand unter einem seltsamen Stern.

Die Auferstehung der Basler ist es denn auch, woraus Marc Hottiger die grösste Lehre gezogen hat. «Nach meiner Karriere coachte ich Echallens. In meinem allerersten Spiel als Trainer verloren wir 1:6. Da appellierte ich an den Stolz der Spieler und wies eben genau auf diese Reaktion der Basler hin. Es klappte: Den nächsten Match gewannen wir 4:0.» Heute arbeitet der 54-fache Internationale als Technischer Leiter im Team Vaud. Einen solchen goldenen Tag einer Mannschaft wie damals der FC Sion hat er in seiner langen Karriere im Fussball nie mehr erlebt. Und es scheint, als könne er heute noch immer nicht begreifen, dass das damals tatsächlich alles passiert ist in den unglaublichsten 90 Minuten des Tourbillons.

Gregory Duruz

Wenn’s läuft, dann läuft’s: Verteidiger Gregory Duruz schiesst gegen den FC Basel das einzige Tor seiner Profikarriere, ein absolutes Traumtor. (Keystone)

Hakan Yakin

Der Anfang vom Ende: Hakan Yakin wird noch vor der Pause mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. (Keystone)

Julien Poueys

Drei Treffer innerhalb von sieben Minuten: Dem Franzosen Julien Poueys gelingt das Spiel seines Lebens. (Keystone)

Laurent Roussey

In seinem ersten Spiel als Sion-Trainer erlebte Laurent Roussey gleich sein Highlight. Ende Saison verliess er das Wallis, kehrte später aber zwei Mal zurück. (Keystone)