Der Unterklassige und der Gigant

Als Cupfinalist durfte Challenge-League-Klub Lausanne-Sport 2010 die Qualifikation für die Europa League angehen. Niemand traute den Waadtländer etwas zu, doch sie schufen in Moskau eine der grössten Sensationen der Schweizer Europacupgeschichte. Auch dank Seydou Doumbia.

Die Fussballschweiz befürchtete Schlimmes. Soeben hatte der FC Basel im Cupfinal das unterklassige Lausanne mit 6:0 zerlegt. Und weil der FCB bereits als Meister feststand, bedeutete dies, dass die Waadtländer aus dem Tabellenkeller der Challenge League in der folgenden Saison 2010/11 im Europacup antreten durften. Kaum jemand zweifelte daran, dass dieses Abenteuer bereits in der Qualifikation enden würde und der Schweiz damit so wichtige Punkte in der Uefa-Fünfjahreswertung entgehen werden. Ein Challenge-League-Klub auf der grossen europäischen Bühne? Nein, das kann nicht gutgehen.

 

Szenenwechsel

26. August 2010, in den Katakomben des Lokomotiv-Stadions in Moskau: Aus der Kabine der Lausanner dringt Geschrei und Gejohle, Spieler hüpfen ekstatisch umher. Einige seifen den Boden ein und rutschen bäuchlings durch den Raum, bis die ganze Garderobe unter Wasser steht. Vor der Türe steht Klubpräsident Alain Joseph und weint hemmungslos. Emotionen wie nach dem Gewinn einer WM seien es. Der heimgekehrte Routinier Fabio Celestini stammelt immer wieder: «Das ist verrückt. Das ist völlig verrückt!» Er hat kurz zuvor den letzten Elfmeter verwandelt, der die Qualifikation für die Europa League bedeutete. Gegner Lokomotiv Moskau, mit einem 100-Millionen-Franken-Budget und etlichen Nationalspielern ausgestattet, war ausgeschaltet. Eine der grössten Sensationen der Schweizer Europacup-Geschichte.

 

Fabio Celestini

Rückkehrer Fabio Celestini kann es kaum fassen und jubelt mit seinen jungen und unerfahrenen Mitspielern, für die es das erste Europacup-Abenteuer überhaupt war.

Ziel war der Aufstieg 

«Das war ein riesiges Highlight», erinnert sich der damalige Trainer Martin Rueda. Er hatte die Waadtländer erst auf jene Saison übernommen. Und musste gleich die Spassbremse spielen: «Unser Ziel war der Aufstieg, deshalb musste ich den Spielern den Ausgang in Moskau verbieten.» Schliesslich stand das Spiel gegen den FC Biel an. Für Lausanne gingen die Wochen der Gegensätze weiter. An Sonntagen in der Fussballprovinz in Yverdon oder Langenthal, unter der Woche in Metropolen wie Prag oder Moskau.

 

Spiel gegen Lokomotiv

Die Sehnsucht nach grossem Fussball war gross in Lausanne: Zum Spiel gegen Lokomotiv kommen so viele Zuschauer auf die Pontaise wie seit über 10 Jahren nicht mehr.

2002 folgte der tiefe Fall

«Könige der Nacht» nannte man die Lausanner einst, weil sie unter Flutlicht besonders gut spielten. Stets hatten sie in der obersten Liga gespielt, zählten oft zu den Titelanwärtern. 2002 folgte der tiefe Fall: Der Klub war Konkurs und wurde in den Amateurfussball verbannt. Die europäischen Nächte schienen auf schmerzlich lange Zeit vorbei. Selbst nach dem unerwarteten Cupfinaleinzug rechnete niemand mit mehr als einem sehr kurzen Vergnügen. «Das kann auch ein Vorteil sein», erklärt Martin Rueda. «Unsere Priorität war die Meisterschaft. Für meine Spieler waren Europacupspiele etwas Neues. Ich sagte ihnen, sie sollen den Wettbewerb ohne Druck geniessen.» Zum Auftakt der Liga reihte Lausanne Sieg an Sieg – und nahm den Schwung in die Europa-League-Qualifikationsspiele mit. Erst wurde Banja Luka aus Serbien ausgeschaltet, dann Randers FC aus Dänemark. Doch Lok Moskau war ein anderes Kaliber.

 

Martin Rueda

Martin Rueda übernahm Lausanne als Mittelfeldklub der Challenge League und führte sie erst in die Europa und dann in die Super League.

12'000 Zuschauer 

Zum Hinspiel auf der Pontaise kamen 12'000 Zuschauer – so viele wie seit über 10 Jahren nicht mehr. Für das 1:1 gab es anerkennende Worte, aber alles sprach für die Russen. Am Vortag des Rückspiels traf Rueda in der Moskauer Hotellobby auf Seydou Doumbia. Der ehemalige YB-Stürmer stand damals bei ZSKA Moskau unter Vertrag. Rueda: «Er hat mir erzählt, dass die Lok-Spieler mental nicht so stark seien. Er hielt eine flammende Rede, wie man mit Herz, Leidenschaft und Solidarität gewinnen könne.» Kurzentschlossen bat Rueda den Ivorer, diese Ansprache für seine Spieler zu wiederholen. Sie verfehlte ihre Wirkung nicht.

 

Silvio

Ein Auftakt nach Mass in Moskau: Silvio bringt sein Team in Führung.

Schon nach einer Viertelstunde brachte Silvio seine Farben in Führung. In der Folge übernahm Lok das Spieldiktat, agierte aber oft zu umständlich und die Waadtländer verteidigten geschlossen und mit viel Einsatz. «Sie haben uns wieder unterschätzt», glaubt Rueda. «Im Fussball macht das Mentale eben bis zu 80 Prozent aus.» Lok sei verunsichert gewesen nach schlechten Resultaten in der Liga, zudem habe es Streitigkeiten unter den Spielern gegeben. «Es braucht nicht viel, damit eine Mannschaft plötzlich viel schlechter spielt, als sie es könnte. Das passiert nur den Deutschen nie», sagt der ehemalige Nationalspieler und WM-Fahrer von 1994.

 

Verlängerung 

Und doch schien Lok den Hebel noch umlegen zu können. Fünf Minuten vor dem Abpfiff gelingt Alijev der Ausgleich, kurz darauf muss der Lausanner Keeper Favre verletzt und unter Tränen seinen Platz räumen. Dennoch überstehen die Gäste auch die Verlängerung schadlos. Im Elfmeterschiessen verschiesst Guillaume Katz als erster, doch auch bei zwei Russen versagen die Nerven. Das Unglaubliche war vollbracht. Rueda springt ungläubig auf dem Feld herum, seine Spieler begraben Ersatzgoalie Castejon unter sich. David Lausanne hatte Goliath Lokomotive zum Entgleisen gebracht.

 

Superstar Dmitri Sychev

30 Mal höher war das Budget von Lokomotiv als jenes von Lausanne. Und doch musste sich der russische Spitzenklub mit Superstar Dmitri Sychev (rechts) geschlagen geben.

Zurück in der Super League 

Die vielen Spiele, die Reisen und die ständigen Umstellungen forderten dann doch noch ihren Tribut. In der Gruppenphase holte Lausanne nur einen Punkt. Ironie der Geschichte: Seydou Doumbia, der als Motivator seinen Anteil an Lausannes Erfolg hatte, wurde mit seinem ZSKA als Gruppengegner zugelost und stellte sich deutlich besser an als der Stadtrivale. Martin Rueda durfte zum Saisonende gleich nochmals jubeln: Nach acht Jahren Absenz kehrte Lausanne in die Super League zurück. «Dann konnten die Spieler endlich das Feiern richtig nachholen, das ich ihnen nach der Sensation gegen Lok untersagen musste», lacht er.