Sternstunde in Rot und Blau und Blond

In den vergangenen Jahren hat der FC Basel immer wieder für Sensationen auf der europäischen Bühne gesorgt. Den Auftakt dieser Reihe machte das an Dramatik kaum zu überbietende Heimspiel gegen Liverpool im Herbst 2002. Mittendrin: ein blondierter Argentinier in der Form seines Lebens.

Man sagt gemeinhin, Fussballfans würden wahre Achterbahnfahrten durchleben während Spielen ihrer Mannschaft. Mal sind sie ganz oben und erleben höchste Glücksgefühle, dann stürzen sie jäh hinunter und drohen, am Boden zu zerschmettern. Wäre das, was die Anhänger des FC Basel im Herbst 2002 erlebten, tatsächlich eine Achterbahn, sie würde aus gesundheitlichen Gründen nie und nimmer zugelassen werden.

 

 

Nach 22 langen Jahren

Es begann schon kurz nach der unter riesigem Jubel begangenen Meisterfeier. Nach 22 langen Jahren – einige davon sogar in der Nationalliga B – hatte Christian Gross den Verein endlich wieder an die Spitze der Liga geführt. Viel Zeit zum Feiern blieb indes nicht, schliesslich wollte der FCB mehr. Und mehr, das hiess: Champions League. Schon in der Qualifikation gegen Celtic hatten die Fans arg zu bibbern, niemand hätte sich damals denken können, dass das Leiden und Zittern an gleicher Stelle bald noch andere Dimensionen annehmen würde.

Der Neuling in der Gruppe

Der FCB hatte sich für den Kampf in der Königsklasse gut verstärkt. Dennoch galt der Neuling in der Gruppe mit Liverpool, Valencia und Spartak Moskau als klarer Aussenseiter. Vor dem letzten Heimspiel gegen Liverpool hatte der FCB aber tatsächlich noch alles in der eigenen Hand: Ein Punkt, und die Sensation würde Tatsache. Ein Punkt, und der FCB würde als erstes Schweizer Team die Gruppenphase der Champions League überstehen. 

Als ob man die Basler noch hätte zusätzlich motivieren müssen, spottete Liverpool-Trainer Gérard Houllier im Vorfeld der grossen Partie, er wisse nicht einmal, wo Basel liege. Die Euphorie war riesig, die Ticketnachfrage so gross, dass das Joggeli gleich mehrmals hätte gefüllt werden können. Für über 1000 Franken wechselten Tickets auf dem Schwarzmarkt den Besitzer! Landesweit fieberte man dem Match entgegen, für einen Abend gehörte der FC Basel der ganzen Schweiz.

 

Julio Hernan Rossi

Was für ein Start! Julio Hernán Rossi bringt seine Farben bereits nach zwei Minuten in Führung.

«Von einem Abend wie diesem träumte ich als Fünfjähriger», sagt Julio Hernán Rossi heute. Für den Argentinier, der nun im Immobiliengeschäft tätig ist, ist jener 12. November 2002 das grösste Highlight seiner Karriere. «Die Atmosphäre war fantastisch! Die Leute haben uns dermassen nach vorne gepeitscht», schwärmt er. Der Beginn des Spiels sei typisch gewesen für den Fussball, den sie unter Christian Gross gespielt hätten. «Wir haben Liverpool geschockt, sie überall gejagt und Fehler provoziert.» Der turmhohe Favorit, gespickt mit Nationalspielern aus Top-Nationen, weiss nicht, wie ihm geschieht. Nach nicht einmal zwei Minuten schickt Esposito Hakan Yakin steil, der spielt direkt ins Zentrum und Julio Hernán Rossi netzt ein. «Ich glaube, es war mein erster Ballkontakt», schmunzelt der heute 41-Jährige. «Nach dem Treffer entlud sich meine gesamte Energie. Für zehn Sekunden war ich weg, entschwunden irgendwie ins Überirdische.»

Der Höhenflug hielt an. Giménez schliesst eine Kombination über Rossi und Hakan Yakin ab, und der grenzenlose Jubel war noch nicht abgeklungen, als Timothée Atouba per Abstauber auf 3:0 erhöht. Gespielt war noch keine halbe Stunde. Die Fans schüttelten ungläubig die Köpfe, ein seliges Lächeln auf den Lippen. «Das war wohl die beste Halbzeit, die der FCB jemals gespielt hat», meint Rossi. Die Fussballwelt stand Kopf – aber die Achterbahn hatte ihren höchsten Punkt erreicht.

FC Basel Fans

Auch wer kein Ticket ergattern konnte, wollte sich die magische Atmosphäre nicht entgehen lassen.

Halbzeit

Denn Liverpool gibt dieses Spiel längst nicht verloren. In Halbzeit Zwei ziehen die Gäste ein erdrückendes Pressing auf. Šmicer, immer wieder Šmicer, der wirblige Tscheche, bringt die FCB-Defensive ins Schwimmen. Nach einer Stunde legt er für Murphy auf, der auf 1:3 verkürzt, nur zwei Minuten später trifft er selber. «Wir waren platt», gibt auch Rossi zu, «uns trug aber noch der Glaube an die Sensation.» Der FCB ist kaum mehr in Ballbesitz, dafür fliegt das Leder im Minutentakt gefährlich in Zuberbühlers Strafraum. Die Fans auf der Tribüne ziehen sich den Schal vor die Augen, wollen nicht mitansehen, wie die Felle davonzuschwimmen drohen. Und just als der Schwung der Liverpooler Angriffe endlich nachlässt, kann sich Murat Yakin im Strafraum nur noch mit einem Handspiel behelfen – Penalty. Fünf Minuten vor Schluss. Zuberbühler hält, Owen trifft im Nachschuss. Das grosse Finale der Achterbahn.

FC Basel Jubel

Fans und Spieler können es kaum fassen: Nach 30 Minuten verwertet Timothée Atouba einen Abpraller nach einem Yakin-Freistoss: 3:0!

Selbst der ruhige Christian Gross tigert an der Seitenlinie herum, dirigiert, fuchtelt mit den Armen. Niemanden hält es mehr auf den Sitzen. Bei jedem Ball, der in die Nähe des Baslers Gehäuses kommt, sterben deren Anhänger Tausend Tode. Liverpool wirft alles nach vorne, es fehlt nur ein Törchen! Eine letzte Flanke, der eingewechselte Stürmer George Koumantarakis, der lange Australier, klärt mit dem Kopf. Und dann pfeift Schiedsrichter Colombo endlich ab. Die Basler liegen sich in den Armen, die Last des Leidens fällt von den Schultern der Supporter ab. Das Joggeli wird zum Tollhaus.

FC Basel Freistoss

Charakteristisch für die zweite Halbzeit: Wütende Liverpool-Angriffe enden meist beim hier arg bedrängten Pascal Zuberbühler.

Kleiner Schönheitsfleck

«Unglaublich», sagt Rossi immer wieder, wenn er von seiner grössten Stunde spricht. In der Kabine sei es abgegangen, als wären sie gerade Weltmeister geworden. Später zog die Mannschaft weiter in die Stadt. «Tausende Fans waren unterwegs, es wurde eine verdammt kurze Nacht», grinst er. Nur etwas ärgert ihn, wenn er die Bilder von damals wieder anschaut: «Meine blondierten Haare, einfach schrecklich! Das war vielleicht das beste Spiel überhaupt in meiner Karriere, und dann bleibe ich mit so einer furchtbaren Frisur in Erinnerung.» Es ist ein kleiner Schönheitsfleck in der wohl dramatischsten europäischen Nacht in der Geschichte des Schweizer Fussballs.

FC Basel Feier

Noch in den frühen Morgenstunden feiern Fans auf dem Barfüsserplatz ihre Helden.