Zeo und das Wildschwein

Franco Alberti, Künstlername Zeo, hatte genug davon, exotische Tiere als Maskottchen von Schweizer Klubs zu sehen. Also schuf er kurzerhand Mister LVG, das riesige Wildschwein, das dem FC Lugano Glück bringen soll. Ach ja, und eine neue Klubhymne hat er auch gleich noch geschrieben.

Franco Alberti, alias Zeo
Zeo mit seiner Schöpfung «Mister LGV»

Es gab Momente in Zeos Leben, da träumte er von einem Leben im Showbusiness. Sein Studio teilte er mit den bekannten italienischen Sängerinnen Loredana Berté und Ivana Spagna. Er hatte eine Platte aufgenommen, die im Tessiner Radio regelmässig gespielt wurde und eine TV-Soap untermalte. Sogar einen Videoclip hatte er gedreht, und zwar auf Kuba. Sein Haar trug er stets verstrubbelt. Heute schämt er sich für die Fotos aus jener Zeit, in der er gezwungen war, Mascara aufzutragen. Das Älterwerden hat ihn verändert. Wahrscheinlich auch, weil ihn das Leben nach hier und dort gespült hat. Was sich nicht verändert hat, ist sein Herz. Zeo, mit bürgerlichem Namen Franco Alberti, ist ein Mann geblieben, für den die Leidenschaft mehr zählt als ein Argument.

Eine dieser Leidenschaften trägt die Farben schwarz-weiss. Schwarz-weiss wie Lugano, im Eishockey und im Fussball. Zeo war es, der für den FC Lugano ein neues Maskottchen geschaffen hat, ein Wildschwein mit grossen Klauen. «Ich war es leid, die allgegenwärtigen Löwen, Bären und Tiger zu sehen. Das Tier, das Lugano repräsentieren würde, sollte sympathisch, gewöhnlich und auch Teil unserer Kultur sein.» Und so schuf er dieses Wildschwein namens Mister LVG, in Anlehnung an die vier Buchstaben LVGA, die sich im Wappen der Luganesi finden. «Ein Wildschwein ist robust, beweglich, schnell und hat hochentwickelte Sinne. Das passt perfekt zu der Art, wie sich der FC Lugano präsentieren sollte», erklärt Zeo.

 

Damit sich seine neue Kreation auch so gab, wie es Zeo vorschwebte, schlüpfte er gleich selber ins Kostüm. Bei der Premiere an einem heissen Sommertag hatte er gerade Mal eine halbe Runde ums Spielfeld geschafft, da fühlte er schon seine Sinne schwinden. Der Schweiss lief in Strömen, Zeo war nahe dem Zusammenbruch. Zu allem Überfluss schnappten ihn auch noch die Fans, umarmten ihn und wollten mit ihm feiern. Von Anfang an liebten sie alle dieses Wildschwein. «Ich musste mich losreissen und in die Kabine retten. Die Hitze war nicht auszuhalten!», erinnert sich Zeo. Seit diesem Tag sind Kühljacken Pflicht, auch für die Statisten, die heute in diesem Kostüm ihre Runden drehen. Ausser bei Regen. «Ja, wenn es regnet, kann Mister LVG nicht raus», sagt Zeo mit aller Selbstverständlichkeit. Das Wildschwein mag Angst vor dem Regen haben, nicht aber vor dem Gegner. 

 

«Die Kinder haben Mister LVG bereits ins Herz geschlossen, aber auch die Spieler grüssen ihn immer», erzählt Zeo. Nur Zdenek Zeman, der eigenwillige Trainer in der letzten Saison, traute sich nie in die Nähe. Die neue Vereinshymne hingegen war schon eher nach seinem Geschmack. Auch für diese zeichnete sich Zeo verantwortlich. Endlich konnte er seine Leidenschaft für die Musik in den Dienst seiner Leidenschaft für den Fussball stellen! «Ich weiss noch, als ich sie das erste Mal Präsident Renzetti vorgespielt habe. Wir waren in seinem Büro, und er war so begeistert, dass er alle Angestellten gerufen hat, um ihnen die Hymne auch vorzuspielen.» Heute erklingt sie bei jedem Heimspiel, wenn die Mannschaften einlaufen. «Ich wollte dafür etwas richtig Episches», erklärt Zeo. Derzeit arbeitet er an einer rockigeren, jüngeren Version seiner Hymne.

 

Bei Zeo grassierte der Lugano-Virus schon in der Familie. «Mein Vater war in den 1990er-Jahren Sekretär des Vereins. Schon als Kind bin ich andauernd dem legendären Trainer Roberto Morinini auf den Keks gegangen», lacht er. Auch selber hat Zeo gekickt, bei den Junioren. Technisch war er hervorragend, mit seinem feinen Fuss stellte er einst gar einen beeindruckenden Rekord im Jonglieren auf. Körperlich aber wies er einige Defizite auf. Mister LVG ist sozusagen das komplette Gegenteil des Fussballers Zeo: Mit seinen riesigen Schuhen bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als ganz auf die Physis zu setzen.

 

Wenn Zeo zwischen Plüsch-Wildschweinen über seine Errungenschaften für den FC Lugano spricht, ist ihm sein Stolz sichtlich anzumerken. Das Premieren-Pech blieb ihm übrigens auch bei der Hymne hold: Als die Fussballer im Cornaredo zum ersten Mal zu Zeos pompöser Komposition einliefen, folgte eine bittere 0:6-Klatsche gegen den den FC Sion. Aus diesem sechs zu null – «sei a zero» – machte daraufhin irgendein Scherzbold «sei a Zeo». Ihm machte das nichts aus. Er ist es gewohnt, auch nach Rückschlägen stets nach vorne zu schauen. Sie geben ihm gar noch mehr Mut und Selbstvertrauen. Seinen sicheren Job als kaufmännischer Angestellter gab er auf, um eine Carosserie-Werkstatt zu eröffnen. Doch schon wieder verspürt er den Drang, Neues zu schaffen. Was das sein wird, weiss er indes noch nicht. Vielleicht brauchen ja die Eishockeyaner von Lugano ein neues Maskottchen? Oder sollte er doch besser wieder eine Platte herausbringen? Wo immer auch Zeos Weg hinführt, ihm zu folgen wird auf jeden Fall spannend sein. Ganz besonders, wenn er denjenigen des FC Lugano kreuzt.

 

Paolo Galli, 24. April 2017

Francesco Alberti im Heimstadion

Francesco Alberti im Heimstadion

Zeo beim Fussball mit «Mister LGV»

Zeo beim Fussball mit «Mister LGV»

Zeo mit Logo seiner Firma

Seine Firma ist engagiert für den Fussball