18'000 Kilometer für 90 Minuten

Lausanne mag nicht die meisten Fans haben, dafür einige besonders aufopferungsvolle. Zum Beispiel Yves Martin. Nach 15 Jahren würde er das erste Spiel seiner Mannschaft verpassen, weil er auf La Réunion in den Ferien war. Doch ein wahrer Fan findet immer eine Lösung.

Yves Martin ist ein wahrer Lausanne-Sports Fan
Yves Martin ist ein wahrer Lausanne-Sports Fan

Nein, ein echtes Publikumsmagnet war Lausanne-Sports nie. Selbst in der letzten grossen Zeit des Vereins – Ende der 1990er-Jahre, als die Waadtländer stets ein Anwärter auf den Meistertitel waren – blieb in der Pontaise meistens mehr als die Hälfte der Plätze frei. Daraus zu schliessen, dass den Lausannern das Schicksal ihres Vereins gleichgültig sei, wäre indes verfehlt. Den Supportern mag es an Masse mangeln, doch mit dem Herzblut einiger unter ihnen gleichen sie vieles aus. Nichts illustriert dies besser als die unglaubliche Geschichte von Yves Martin. 

1989 wurde der Fanclub «Blue-White Fanatic Kop» (BWFK) gegründet. Sein Credo: Die Mannschaft lautstark und überall zu unterstützen. Daran änderte sich auch nichts, als Lausanne infolge eines Konkurses bis in den Amateurfussball fiel. Ob die Gegner Gossau, Meyrin oder Echallens hiessen, selbst auswärts reisten stets Dutzende vom «Blue-White Fanatic Kop» mit.

 

 

 

Immer dabei war natürlich auch Yves Martin. Seit 1993 hatte er kein offizielles Spiel seines Vereins verpasst, weder zuhaue noch auswärts. Und er, der ehrenamtlich für ein welsches Fussballportal über Lausanne-Sport berichtete, hatte auch nicht die Absicht, dass diese Serie ein Ende finden würde. Weitsichtig legte er seine Ferien stets in die Winterpause. Doch für einmal meinte es sogar der Spielplan gut mit ihm: Im Oktober 2008 stand eine Länderspielpause an, ein Zeitfenster tat sich auf. Der Plan: Gleich nach der Partie gegen Servette würde er die Koffer packen und mit seiner Frau nach La Réunion fliegen. Strand, Sonne, Entspannen.

 

Doch selbst ausgereifte Pläne haben den Nachteil, dass sie vor unerwarteten Ereignissen nicht gefeit sind. Weil gleich drei Lausanne-Spieler ein Aufgebot für die Schweizer U19 erhielten, beantragte der Klub eine Verschiebung der Partie gegen Servette. Der neue Termin lag – man ahnt es – mitten in Martins Ferien. Damit würde also zum ersten Mal nach 15 Jahren ein Lausanne-Match ohne ihn stattfinden. Ausser natürlich er würde...

 

Yves Martin versucht es zu erklären: «Wenn du diese Leidenschaft hast, diesen merkwürdigen Zustand, den du in deinem Inneren spürst, diese Begeisterung, die dafür sorgt, dass sich etwas in deinem Kopf 24 Stunden pro Tag im Modus Lausanne-Sports dreht, dann musst du dich eben damit arrangieren. Es ist wie ein Durst, der gestillt werden muss. Und das alles auf eine Art und Weise, damit man seiner Umwelt, also den Menschen, die einen umgeben, den kleinstmöglichen Schaden zufügt.» Die Umwelt, das war in diesem Falle Martins Frau. Die Ferien abzusagen oder zu verschieben kam deshalb nicht infrage. Aber auch die Partie einfach auszulassen hätte für sie unangenehme Folge gehabt: « Ich wusste, dass ich in den Ferien unausstehlich gewesen wäre. Ich wäre halb durchgedreht und hätte meiner Frau die Zeit vermiest.»

 

Schliesslich gab es aber noch eine letzte Möglichkeit. Eine, die so absurd war, dass sie ausser ein Getriebener niemand ernsthaft hätte in Erwägung ziehen können: Samstag Abflug von La Réunion nach Paris, von da weiter nach Genf, mit dem Zug nach Lausanne und dann mit den Fan-Kollegen mit dem Bus ans Servette-Spiel. Und am folgenden Tag wieder auf die schöne Insel, 9000 Kilometer Luftlinie entfernt. Keine Frage, welche Möglichkeit Yves Martin wählte.

 

Seine Frau genoss die zwei lockeren Tage, um das zu tun, worauf er keine Lust hatte. Ihn selber hatte diese Aktion zwei Ferientage und 2300 Franken gekostet. Bereut er es? «Sich das ganze Jahr den Arsch aufreissen und sparen – das tut man ja, um das Geld auch mal auf den Kopf zu hauen. Wenn es das Ereignis wert ist, ist es auch das Geld wert», erklärt er. «Ja, ich habe 2300 Franken gezahlt, um ein Spiel der zweiten Schweizer Liga zu sehen. So what! Wenn du einen Fernseher für 2000 Franken kaufst, sagt ja auch niemand was.» Das Spiel übrigens endete 1:1. Den Ausgleichstreffer für Lausanne gegen den grossen Rivalen erzielte Vullnet Basha. Das war einer jener U19-Internationalen, derentwegen das Spiel verschoben wurde.

 

Seine Serie konnte Yves Martin so doch noch verlängern. Bis heute gehalten hat sie dennoch nicht. Die Leidenschaft freilich, die kocht in ihm weiter. «Lausanne-Sports, partout et toujours» lautet das Motto des Blue-White Fanatic Kop. «Partout» galt für Yves Martin einst wörtlich, heute heisst es – zumindest temporär – für ihn nur «toujours».

 

 

 

 

Mämä Sykora, 29. Juli 2016

 La Réunion Insel