Wo die Geschichte lebt

Er rettete Pokale aus Ruinen und sammelte in Altersheimen Fotoalben und Trikots: Saro Pepe führt das Museum des FC Zürich und amtet als dessen Klubarchivar. Er sorgt dafür, dass die Vereinsgeschichte weiterhin lebendig bleibt.

Saro Pepe Klubarchivar des FC Zürich
Saro Pepe Klubarchivar des FC Zürich

Wenn Saro Pepe durch das FCZ-Museum geht, dann kann er einfach nicht anders. Immer wieder bleibt er bei einem Ausstellungsobjekt stehen und erzählt mit Begeisterung dessen Geschichte und dessen Weg hierher in diese Räumlichkeiten. Seit bald fünf Jahren amtet er als Leiter des Museums und als Klubarchivar. Seine Leidenschaft hat kein bisschen abgenommen. 

«Ohne Ancillo Canepa würde es dieses Museum nicht geben», räumt Pepe ein. An der Generalversammlung 2008 habe der FCZ-Präsident den Wunsch formuliert, die Klubhistorie endlich besser zu dokumentieren. Eine Vereinschronik wollte er schreiben lassen und ein Museum eröffnen. Er schloss mit den Worten, dass diese Projekte umgesetzt würden, sobald das Geld da sein. Der Saal lachte. Kurz darauf qualifizierte sich der FCZ für die Champions League. 

 

 

 

 

Im letzten Herbst ist das Museum umgezogen. Nun teilt sich nun mit dem FCZ-Fanshop einen Raum beim zentral gelegenen Zürcher Stauffacher. Für Pepe der Idealfall: «Es kommt oft vor, dass Väter ihren Söhnen im Fanshop ein Trikot kaufen, ihnen bei dieser Gelegenheit aber auch gleich die Geschichte des Klubs näher bringen wollen.» Dass hier nicht nur Pokale in Vitrinen besichtigt werden können, sondern man etwa das Trikot von Köbi Kuhn anfassen kann und in Fotoalben von Spielern der 1920er-Jahre blättern kann, kommt gut an. Lebhaft und interaktiv soll es sein. Viele Exponate haben lediglich einen emotionalen Wert, wie etwa die vielen mit Herzblut erschaffenen Fanartikel wie Fahnen oder Schals, die Pepe besonders gefallen. 

 

Aus der Not haben die Initianten eine Tugend gemacht. Denn der FCZ selber konnte kaum Exponate zur Verfügung stellen. Wie fast alle grossen Schweizer Vereine hatte sich auch der FCZ lange Zeit wenig um seine Historie gekümmert. Kurz vor dem Abriss des alten Letzigrunds rettete Pepe noch Pokale und Meisterdiplome, die der Klub beim Auszug hatte stehen lassen. Pepes Kollegen vom YB-Museum ging es ähnlich beim Abriss des Wankdorfs. Seither hat sich die Einstellung zur eigenen Vergangenheit vielerorts geändert. «Aus der Geschichte kann man auch Wert schöpfen», sagt Pepe. So habe sich die umfassende FCZ-Klubchronik, für die er die Gründerzeit aufgearbeitet hat, alleine in der ersten Woche nach dem Erscheinen 7000 Mal verkauft. Für ein Sachbuch ist das ein sensationeller Wert. 

 

Fotos, Videos, Trikots, Bücher, Pokale, Aufnäher, Protokolle – im FCZ-Museum finden sich die unterschiedlichsten Objekte. Noch viel mehr ist eingelagert. Schon jetzt ist das FCZ-Museum eine der grössten Fussballsammlungen der Schweiz. Fein säuberlich katalogisiert Pepe alles, was aufgenommen wird. Mit der Arbeit kommt er kaum nach. Doch woher stammen alle diese Gegenstände, wenn doch der Verein selber kaum etwas aufbewahrte? Pepe: «Zu Beginn starteten wir eine Aufruf unter den Vereinsmitgliedern und in Gratiszeitungen. Das Echo war überwältigend.» Besonders aus Altersheimen hätten sich viele ehemalige Spieler und Funktionäre gemeldet, die sehr froh darüber waren, dass sich endlich jemand darum kümmerte, die Klubgeschichte aufzuarbeiten. 

 

Pepe springt auf und zeigt auf einen Wimpel von 1952. «Von der Familie des langjährigen Captains Walter Bosshard», erklärt er. Die indische Nationalmannschaft gastierte damals im Letzigrund und erreichte ein 0:0 – obwohl sie barfuss spielte! Kurz darauf spielt er ein Video ab, das ihm kürzlich zugespielt wurde. Es sind die ersten Farbaufnahmen des Meistercup-Halbfinals 1964 bei Real Madrid. FCZ-Spieler trinken im Bernabéu Bier, dann sieht man die Spieler einlaufen: in rosa Trikots und orangen Hosen. «Kein Wunder verloren sie in diesem Outfit 0:6», lacht Pepe. Ein weiteres Rätsel der Vereinsgeschichte war damit geklärt. Bis dahin konnte nämlich nicht eruiert werden, wie der FCZ damals in jenem grossen Spiel gekleidet war. 

 

Wenn Pepe solche Anekdoten zum Besten gibt, scharen sich auch gleich die Besucher um ihn. Mit seinen Worten beginnt die Vereinsgeschichte richtig zu leben. Längst sind es nicht «nur ein paar Freaks», die sich dafür interessieren. Der Förderverein FCZ-Museum ist mit über 400 Mitgliedern die zahlenmässig grösste Gönnervereinigung der Klubs. Sie dürfen sich bald über ein neues Schmuckstück freuen: Pepe konnte ein Modell des alten Letzigrunds im Massstab 1:200 auftreiben. Und weil ein nacktes Modell zu trocken ist für das FCZ-Museum, wurde darin eine Partie von 2003 gegen den FC Basel detailgetreu nachgebildet – samt Mannschaften, Fans und Choreografien. Lebhafte Geschichte – der FCZ hat sie, im FCZ-Museum erlebt man sie.

 

 

 

 

 

Mämä Sykora, 3. August 2015