Der Denker und Lenker

Auf der Video-Wall im Stadion wollen Fans Informationen, Sponsoren verlangen Präsenz. Stadionregisseur Rudolf Wyss sorgt in Luzern dafür, dass alle auf ihre Kosten kommen.

Stadionregisseur Rudolf Wyss
Stadionregisseur Rudolf Wyss

«Hast du das Tor gesehen? Wars kein Offside? Sicher?» Der FC Luzern hat soeben das 1:0 geschossen. Doch Rudolf Wyss und sein Team haben keine Sekunde Zeit zum Jubeln. Jetzt muss alles passen. Der Moderator gibt Torschützen und Spielstand durch. Die Fans harren der Wiederholung des Tors auf der Leinwand. Doch die kriegen sie nur – die Liga will das so – wenn die Entstehung des Treffers keinen Anlass zu einer Schiedsrichter-Diskussion bietet. «Goal top!» Wyss gibt grünes Licht. Techniker Roman sorgt dafür, dass die Szene vom Vorschau-Screen im Regieraum direkt auf den Stadionbildschirm hüpft.

Immer wieder blicken die Fans während des Spieltags auf die übergrosse Videowall. Sie wollen wissen, wie viele Minuten nachgespielt werden, wie es auf den anderen Plätzen steht oder was der Trainer nach dem Match zu sagen hat. Seit Eröffnung der Swissporarena 2011 ist Rudolf Wyss, Inhaber einer Kommunikationsagentur in Meggen, zuständig für die Produktion der Inhalte, welche im Rahmen der FCL-Heimspiele über die Leinwand flitzen und aus den Boxen dröhnen.

 

 

 

Wyss‘ Arbeitstag beginnt in der Regel drei Stunden vor dem Anpfiff, wenn er unterhalb der Haupttribüne sein Reich betritt: einen fensterlosen, rund zehn Quadratmeter grossen Raum. Der 60-Jährige ist dabei nicht allein: Rund ein Dutzend Kollegen schart er zur ersten Besprechung um sich. Kameraleute, Bild- und Tontechniker, Moderator, Speakerin und Stadionmanager lauschen seinen Worten. Da sind auch Mikrofone, Schalthebel, Kabel, viele Bildschirme – und über all dem tickt in grossen, roten Ziffern eine Digitaluhr.

 

«Dass wir den Zeitplan einhalten ist etwas vom Wichtigsten», erklärt Wyss während einer seiner wenigen freien Momente und zündet sich eine Zigarette an. Acht Seiten umfasst der Regieplan, auf dem zum Beispiel festgehalten ist, dass um 13:37:19 Thomas Erni, Moderator des FCL-TV, auf dem Platz die Mannschaftsaufstellung des Heimteams präsentiert. Vor dem Spiel ist der Zeitplan besonders straff. Denn es ist die für Sponsoren beliebteste Phase. Wer hier einen Werbeblock platzieren kann, erhält viel Aufmerksamkeit. Da muss das Timing auf die Sekunde genau stimmen. Während dem Spiel sind Ereignisse wie Verletzungen, Auswechslungen und Corner an einen Werbebeitrag gekoppelt. Verpassen darf man diese auf keinen Fall.

 

Doch es ist nicht damit getan, wenn Wyss nur zuverlässig ein Programm runterspulen lässt. Mehrfach muss der Stadionregisseur auch seine Qualitäten als Improvisationskünstler unter Beweis stellen. Das zeigt sich kurz vor dem Spiel, als die «Kiss Cam» mehrere potenzielle Paare einfängt, die sich partout nicht öffentlich liebkosen möchten. «Warum küssen sich die denn jetzt nicht?», fragt sich Wyss, behält aber die Nerven und macht nach rund einer Minute doch noch zwei Glückliche ausfindig. Er hievt das junge Paar auf den Screen. Der Sponsor der «Kiss Cam» lässt danken.

 

Via Mikrofon ist das Team vor, während und nach dem Spiel ständig im Austausch. Etwa mit Andrea Schnellmann, die ihren Arbeitsplatz oberhalb der Haupttribüne hat. Seit 16 Jahren amtet sie als Sprecherin des FC Luzern. Viel hat sich getan in dieser Zeit. Im alten Allmend-Stadion bediente sie zusammen mit nur einem Kollegen die Anzeigetafel, machte die Durchsagen und spielte in der Pause selbst mitgebrachte CDs ab. Jetzt kann sich Schnellmann auf die offiziellen Durchsagen konzentrieren, wobei sie ihr Fangewand vollständig ablegen muss – etwa, wenn sie ein gegnerisches Tor vermelden muss. Keine leichte Aufgabe für die hartgesottene FCL-Anhängerin.

 

Auch im Regieraum leiden manche mit. Sechs Tore, eine rote Karte. Viel ist los in dieser Partie zwischen dem FC Luzern und dem Grasshopper Club. Doch die Regie soll die Emotionen nicht zusätzlich hochschaukeln. Wyss und sein Team sorgen dafür, dass es weder üble Fouls noch erboste Fans auf die Leinwand schaffen. Dafür gibt jetzt ein Spielfeldrand postierter Kollege (Wyss: «Er sieht dem vierten Offiziellen direkt ins Blöckli») durch, wie viele Minuten nachgespielt werden. Prompt prangt die Zahl vom Screen, und ein Raunen geht durch die Menge. Nach Spielschluss lauschen die noch im Stadion verbleibenden Fans gebannt den Worten der beiden Trainer. Auch die Pressekonferenz überträgt die Stadionregie. Die anderen Zuschauer haben sich schon auf den Heimweg gemacht. Die Abfahrtszeiten der SBB-Züge standen kurz vor Spielschluss auf der Leinwand. Eingeblendet hat sie Rudolf Wyss.

 

 

 

 

Mämä Sykora, 4. November 2015