Der Spion in den Katakomben

Wohl keiner schaut Super-League-Partien intensiver als der Schotte Nnamdi Aghanya. Der Pionier der Videoanalyse arbeitet so beeindruckend, dass er sich seine Jobs gleich selber geschaffen hat. Für den FC St. Gallen sind seine Dienste heute unverzichtbar.

Nnamdi Aghanya
Videoanalyse-Pionier Nnamdi Aghanya

Im heutigen Fussball gibt es keine Geheimnisse mehr. Über Gegner und deren Spielweise wie auch über potenzielle Neuzuzüge wissen die Klubverantwortlichen bestens Bescheid. Vor allem dank jenen Leuten in den Vereinen, die stundenlang vor Bildschirmen sitzen, Material auswerten und nach Mustern suchen. In der Schweiz macht dies kaum einer so detailliert und ausführlich wie Nnamdi Aghanya, genannt «Das Auge des FC St. Gallen». Dass er heute Trainer Joe Zinnbauer mit seinen begehrten Videoanalysen versorgen kann, war nur möglich, weil er seinen Traum partout nicht aufgeben wollte. 

Denn eigentlich führte Aghanya ein nettes Leben. Der in Nigeria geborene Schotte studierte in Glasgow Chemie und Informatik und fand mit seinen IT-Kenntnissen einen guten Job. Doch die Leidenschaft für den Fussball liess ihn nie los. Gekickt hat er selber nur zum Plausch, aber der Drang, das Spiel zu verstehen, der war stets da. Auf eigene Faust machte er die Trainerlizenz. Mit dem Diplom im Sack und dem Computer-Know-how findet er bald eine Anstellung beim FC Kilmarnock, für den er fortan Videomaterial auswertet, ein Bereich, der damals, 2007, noch in den Kinderschuhen steckt.

 

 

Doch Aghanya will höher hinaus. Vor der WM 2010 in Südafrika schreibt er alle teilnehmenden Verbände an, auch die Schweiz. «Wenn du niemanden kennst im Fussball, kannst du lange zuhause sitzen – es wird niemand anrufen», begründet er seine offensive Vorgehensweise. Die meisten E-Mails bleiben unbeantwortet, doch der ghanaische Verband zeigt Interesse – und verpflichtet ihn umgehend. Auch dank Aghanyas Analyse der Gegner stösst Ghana bis ins Viertelfinale vor, wo man auf dramatische Art an Uruguay scheitert. «Luis Súarez ist nicht mein Freund», lacht er und meint damit dessen Handspiel auf der Torlinie in der allerletzten Minute, das den Afrikanern den Einzug ins Halbfinale verbaute.

 

Die grosse Bühne lockte Aghanya auch danach. Der FC Basel war einmal mehr auf dem Weg in die Champions League. Doch wie soll man einen Klub von dieser Grösse auf einen aufmerksam machen? Aghanya tat es auf seine Art: Kurzerhand fuhr er mit dem Zug nach Basel, liess sich den Weg zum Trainingsgelände des FCB erklären und passte dort Trainer Thorsten Fink ab. Der gab ihm einen Tag, um die Partie gegen Xamax zu analysieren. Als er die Ergebnisse präsentiert bekam, wurde Aghanya umgehend eingestellt. Zwei Jahre lang profitierte man am Rheinknie von seiner Arbeit, Nun ist er beim FC St. Gallen unverzichtbar. Auch diesen Job bekam er nach einem unangemeldeten Besuch im Training.

 

Die Spiele des FCSG verfolgt Nnamdi Aghanya stets weit oben auf der Tribüne, gleich neben dem Kameramann, der gewünschten Bilder liefert. Meistens steht der Videoanalyst des Gegners gleich daneben. «Man kennt und schätzt sich, aber von den Erkenntnissen wird kein Wort verraten», schmunzelt der 41-Jährige. Schon in der Halbzeit schlägt Aghanya dem Trainer ein, zwei Szenen vor, diese werden dann gleich in der Kabine den Spielern vorgeführt. Die grosse Arbeit kommt nach dem Schlusspfiff: Es gilt, Situationen herauszusuchen, in denen Fehler gemacht oder die sehr gut gelöst wurden. Die Erkenntnisse daraus dazu präsentiert Aghanya im Laufe der Woche dem ganzen Team und den einzelnen Mannschaftsteilen. Auch für jeden Spieler sind aussagekräftige Szenen bereitgestellt. «Man merkt, dass unsere Spieler viel daran setzen, sich zu verbessern. Sie fragen oft von sich aus nach, ob ich Material für sie habe», sagt Aghanya erfreut.

 

Um zu wissen, worauf er bei seiner Analyse achten muss, ist es essentiell, dass er die Philosophie des Trainers – für Aghanya der wichtigste Mann in einem Verein – bestens kennt und versteht. Die Anforderungen an die Mannschaften seien zwar weitgehend deckungsgleich. Schliesslich verlange jeder Trainer offensive Aussenverteidiger oder dass das Mittelfeld nachrückt. In den Details erst offenbaren sich die Unterschiede. Und hier kommt Aghanya zum Zug: «In der Super League sind fast alle Teams auf Augenhöhe. Wenn wir uns mit einer guten Analyse nur um 0,001 Prozent verbessern, dann lohnt es sich bereits.»

 

Als Aghanya vor zehn Jahren mit Videoanalysen begonnen hat, wurde dieser Bereich noch als technische Spielerei belächelt. Heute wächst die Bedeutung rasanter denn je. Selbst die Trainings werden beim FC St. Gallen mittlerweile aufgezeichnet. Und wenn er einen Blick in die Zukunft wagt, kommt Aghanya ins Schwärmen: «Virtual Reality – das wird spannend! Damit könnte man Szenen aus dem Blickwinkel der Spieler analysieren.»

 

Noch ist das Zukunftsvision. Bis dahin wird Nnamdi Aghanya in seinem Büro in den Katakomben des Kybun-Parks weiter unzählige Stunden an Videomaterial sichten, die Taktik des nächsten Gegners sezieren und dabei nach Schwachstellen suchen. Ganz wie ein Spion. Und auch seine Erkenntnisse sind «Top secret». Denn was «Das Auge des FC St. Gallen» entdeckt, kann die Grundlage für den nächsten Sieg sein.

 

 

 

Mämä Sykora, 19. September 2016

Nnamdi Aghanyas Arbeitsplatz in den Katakomben

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Seine Dienste sind für den FC St. Gallen unverzichtbar

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Weit oben auf der Tribüne verfolgt er die Spiele

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Alles wird ganz genau seziert

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