Monsieur Raclette

Nirgends gibt sich die Fussballschweiz so entspannt und unbeschwert wie im Raclette-Zelt von Sion. Möglich machen dies Antoine Dubuis und sein Team – seit über drei Jahrzehnten.

Antoine Dubuis arbeitet seit über 13 Jahren im Raclette-Zelt von Sion
Antoine Dubuis arbeitet seit über 13 Jahren im Raclette-Zelt von Sion

Es ist kein Geheimnis: Im Stade de Tourbillon geht es oft heiss zu und her. Wenn das Publikum den Schiedsrichter nicht auf seiner Seite wähnt oder das Heimteam einen Käse zusammenspielt, dann kocht die Walliser Volksseele. Direkt vor dem Stadion gibt es aber tatsächlich einen Ort, wo die Hitze noch grösser ist. Hier kullern die Schweissperlen allen von der Stirn, als hätten sie sich selbst 90 Minuten auf dem Rasen verausgabt. Entsprechend weht hier ein noch strengerer Geruch als in den Stadion-Katakomben. Heissblütig aber gibt sich an diesem magischen Ort niemand. Die Besucher versprühen einfach nur ein Gefühl der Zufriedenheit – ob vor dem Spiel und danach, unabhängig vom Resultat. Dieser Ort ist ein Mythos im Schweizer Stadionkosmos. Willkommen im Raclette-Zelt von Sion.

 

 

 

 

«Nirgends im ganzen Land gibt es etwas Vergleichbares», sagt Antoine Dubuis voller Stolz. Seit 38 Jahren ist der leicht untersetzte Ur-Sittener, den alle nur Tony nennen, verantwortlich für das Gastronomie-Angebot im und um das Stade de Tourbillon. An Arbeit mangelt es Dubuis und seinen zahlreichen Helfern wahrlich nicht an einem Spieltag. In den Stadionsektoren wollen die Zuschauer versorgt werden mit dem landesweit üblichen Fast-Food-Angebot: Hot Dogs, Schüblig, Pop Corn, Softdrinks und natürlich viel Bier. Aber das Herzstück von Dubuis‘ Territorium befindet sich hier vor der Haupttribüne auf rund 100 Quadratmetern. Sitzbänke reihen sich aneinander, auf einem Bildschirm läuft der Cupfinal von 1991, und zuhinterst in der Ecke gibt einer den Evergreen «I Feel Good» mit französischem Akzent zum Besten. Es ist die gemütlichste Variante einer Festzeltgaudi, die man sich nur vorstellen kann.

 

Sechs Raclettestreicher harren vor ihren Öfen einer langen Kolonne, die sich manchmal bis zum Ausgang schlängelt. 1200 Portionen «Fromage Héritier» verzehrt das Publikum an einem Spieltag. Auch viele Gästefans aus der «Üsserschwiiz» lassen sich den Besuch in diesem kulinarischen Kleinod nicht entgehen, nicht einmal im Sommer, wo ennet des Lötschbergs eigentlich niemand Verständnis für den Konsum von geschmolzenem Käse aufbringen kann. Das Angebot ist an Attraktivität kaum zu überbieten: Vier (!) Franken kostet die Portion inklusive zwei Kartoffeln, Silberzwiebeln und Essiggurken. Wer schon einmal an der Olma, der Herbstmesse oder am Knabenschiessen ein Raclette bestellt hat, weiss um die Absurdität dieses niedrigen Preises. Selbstredend fliesst auch der Fendant in Strömen. Tausende von Ballons, diese kleinen, bauchigen Weingläser, werden an einem Spieltag geleert.

 

«Die grösste Herausforderung ist für uns, dass wir nie so recht wissen, wie viele Leute kommen werden», sagt Dubuis, der vom Klub angestellt ist und auch die Speisen und Getränke für diesen einkauft. Im Jahr 2003 gab es einmal ein Spiel gegen Kriens, da kamen 600 Zuschauer ins Tourbillon. An Europacupnächten oder Cup-Halbfinals wiederum war das Stadion auch schon ausverkauft. Dubuis hat schon alles erlebt. In den Vordergrund stellen will sich der Chef-Racletteur nicht. Es braucht einiges an Überredungskunst, ihn nur schon für ein Foto posieren zu lassen.

 

Dubuis hätte wohl viel zu erzählen. Zum Beispiel von all den Prominenten, welche das Zelt schon empfangen hat. Oft statten auch die Spieler seinem Reich einen Besuch ab – manchmal sogar jene des Gegners – und bleiben nach dem Match auf einen Schwatz mit den Fans. Ottmar Hitzfeld war hier, wenn es ihn als Nati-Trainer mal nach Sion verschlug. Es gibt die Geschichte von Basel-Präsident Heusler, der just an diesem Ort dem Ivorer Serey Die einen Wechsel an den Rhein schmackhaft gemacht haben soll. Im Zelt geht es seit jeher friedlich zu und her. «Irgendwie sind hier alle sehr entspannt, obwohl viel getrunken wird», erklärt Antoine Dubuis, der die Magie dieses Ortes offenbar auch nicht ganz leicht in Worte fassen kann. Zeit für epische Schilderungen hat er ohnehin nicht.

 

Auch drei Stunden nach dem Spiel verweilen noch zahlreiche Fans im Zelt. «Heute war nicht gerade ein guter Tag, um vorbeizukommen», gibt Dubuis dem Autor zu verstehen. Wahrscheinlich gibt es diesen Tag nie, denn zu tun hat Dubuis immer. Am Raclette-Stand ist die Schlange noch länger als sonst. Dubuis muss jetzt dorthin und fürs Wohl der Kundschaft sorgen. Die Fussballschweiz wird ihm dafür danken.

 

 

 

 

 

 

Mämä Sykora, 19. November 2015