Der Föhn, der Neid und Marco Büchel

Marco Büchel ist einer der erfolgreichsten Sportler des Fürstentums. Als Skifahrer hatte er gleich wie der FC Vaduz heute mit jenen zu kämpfen, die man sprichwörtlich als die «ältesten Liechtensteiner» bezeichnet: mit dem Föhn und dem Neid. Ein Matchbesuch im Rheinpark-Stadion.

Marco Büchel ist einer der erfolgreichsten Sportler des Fürstentums
Marco Büchel ist einer der erfolgreichsten Sportler des Fürstentums

Nach sieben Minuten kann Marco Büchel bereits zum zweiten Mal jubelnd aufspringen. Armando Sadiku bringt seinen FC Vaduz gegen den FC St. Gallen mit 2:0 in Führung. Mit den Händen in der Luft schickt «Büxi», wie er hier genannt wird, ein lautstarkes «Hopp Vaduz» in Richtung Spielfeld. Natürlich ist es eher ein «Fadoz», ganz im lokalen Dialekt. Die Sitznachbarn im FCSG-Schal mustern ihn betrübt. Keine Frage: dieses Gesicht kennen auch sie. Immerhin ist der Jubelnde einer der erfolgreichsten Sportler Liechtensteins überhaupt: 18 Podestplätze gelangen Marco Büchel in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom, vier Mal stand er zuoberst, acht Mal wurde er zum «Sportler des Jahres» gewählt. Dass er nun hier auf der Tribüne steht und den FC Vaduz anfeuert, ist keine Selbstverständlichkeit. Sondern ein Zeichen dafür, dass sich einiges verändert hat im Ländle. 

Aufgewachsen ist der heute 44-Jährige nämlich in Balzers. Und zwar, wie er lachend anmerkt, «im wohl erfolgreichsten Quartier des Landes.» Die Nachbarn hiessen Markus Foser und Achim Vogt, ebenfalls spätere Ski-Weltcupsieger, sowie Mario Frick, der lange Jahre in der italienischen Serie A spielte. Wenn gekickt wurde im Quartier, musste «Büxi» immer ins Tor – wohl mangels geschmeidiger Ballbehandlung, wie er grinsend erklärt. Zwischen Balzers und dem Hauptort liegt zwar nur ein Dorf, aber auch ein unsichtbarer Graben.

«Damals wäre keiner aus Balzers an ein Vaduz-Spiel gegangen», erklärt Büchel. «Örtligeist» nennt man im Ländle die Rivalität zwischen den elf Gemeinden. Als wäre dies nicht schon hinderlich genug, hat ein Sprichwort hier nach wie vor seine Gültigkeit. «Die ältesten Liechtensteiner sind der Föhn und der Neid», pflegt man zu sagen. Auch Büchel musste dies während seiner Aktivzeit erleben. Als er einst an einem Wochenende zwei Podestplätze erreichte und darauf mit seiner Frau mit einem Glas Prosecco in einer lokalen Bar anstossen wollte, gratulierte ihm niemand der Gäste.

 

Doch so langsam schafft es zumindest der FC Vaduz, gegen diese Widerstände anzukommen. In seiner ersten Super-League-Saison vor sieben Jahren kamen im Schnitt knapp 2000 Zuschauer an die Heimspiele. Nun sind es doppelt so viele. «Auch wenn es nicht alle zugeben: es drücken dennoch alle Liechtensteiner dem FCV die Daumen», erklärt Büchel. Kaum hat er das gesagt, ist es schon wieder Zeit zum Aufspringen im Rheinpark-Stadion. Dejan Janjatovic – ausgerechnet die St.Gallen-Leihgabe – erhöht noch vor dem Seitenwechsel auf 3:0.

 

«Büxi» lässt es sich nicht nehmen, in der Pause einen St. Galler Freund mit einem Foto der angebissenen Bratwurst zu ärgern – mit Senf, versteht sich. Hier kennen ihn auch sechs Jahre nach seinem Rücktritt noch alle. Er schüttelt Hände, winkt Bekannten zu und scherzt mit den Ordnern. Schwer vorstellbar, dass ein ehemaliger Fussballstar so umgänglich auftreten würde. In Liechtenstein entwickeln selbst die bekanntesten Athleten keine Allüren. Es ist der geringen Bevölkerungszahl geschuldet, dass Spitzensportler nicht in einer Blase aufwachsen und nur untereinander verkehren, sondern die Bande zu Freunden nie abreissen. Spätestens nach den ersten Erfolgen lerne man einen der ältesten Liechtensteiner, den Neid, besonders gut kennen. «Wenn man es positiv sehen will, kann man sagen: Das lehrt Demut», sagt Büchel.

 

Mit seinem Trainingszentrum, das Leistungs- und Nachwuchssportlern offensteht, leistet er einen Beitrag, dass es auch weiterhin Liechtensteiner bis an die Spitze schaffen. Auch die Fussballer will er für eine Kooperation gewinnen. Es scheint nötig: Nur vier Spieler im Kader des FCV sind Liechtensteiner. Ein Umstand, den nicht nur Büchel bedauert.

 

Immerhin zwei davon werden in der zweiten Halbzeit eingewechselt. «Es ist noch nicht vorbei», mahnt Büchel und erinnert an die Begegnung in der letzten Saison, als St. Gallen einen Drei-Tore-Vorsprung noch aufholte. Doch dieses Mal steht die Defensive der Vaduzer solid. Darauf schaut Büchel besonders, immerhin war der deutsche Weltmeister Paul Breitner sein Jugendheld. Der Fussball spielt auch heute noch eine Rolle in Büchels Leben: ob im Stadion wie heute, als Moderator beim Audi-Cup in München oder beim Austausch mit Super-League-Trainern. «Innerhalb der Sportlergemeinschaft bilden die Fussballer eine eigene Gruppe», urteilt er. Nicht nur, weil es Mannschaftssportler sind, sondern vor allem weil sie deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen. «Bei dieser Medienpräsenz und den Möglichkeiten für Fussballer kann man schon neidisch werden», gibt «Büxi» unumwunden zu.

 

Als Skifahrer habe man indes auch Vorteile. Einen Sieg habe man immer sich selber zu verdanken und könne dementsprechend stolz sein. Und dass die Aufmerksamkeit nicht nur Annehmlichkeiten bringe, illustriert Büchel mit einer Anekdote: «Seit ich Kitzbühel gewonnen habe, löse ich dort auch einige Beachtung aus. Aber kürzlich war ich mit Mario Götze dort. Dieser Rummel war Wahnsinn! Ich fragte ihn, ob das immer so sei. Er bejahte.»

 

Hier im Rheinpark-Stadion fühlt sich der sympathische Balzner sichtlich wohler. Die letzten Sonnenstrahlen im Gesicht, ein letzter Schwatz und wiederholt die scherzhaften Ratschläge: «Du musst öfters kommen, dann gewinnt der FCV auch häufiger!» Nach einer Skitour am Morgen und dem Vaduz-Sieg endet Büchels Sport-Tag. Währenddessen erfreuen sich die verbliebenen Zuschauer am Freibier – ironischerweise offeriert von der St. Galler Brauerei Schützengarten.

 

 

 

 

Mämä Sykora, 18. April 2016