Die Ersatzmutter der jungen Talente

15 der vielversprechendsten jungen Fussballer des Landes besuchen das GC-Internat in Niederhasli. Um sie kümmert sich seit elf Jahren die unermüdliche Frohnatur Karin Hug.

Seit elf Jahren kümmert sich Karin Hug um junge Talente beim GC
Seit elf Jahren kümmert sich Karin Hug um junge Talente beim GC

Wenn Karin Hug in den schmalen Gängen des Internats im GC-Campus einem ihrer Schützlinge begegnet, wird schnell klar, warum sie oft als «Ersatzmami» bezeichnet wird. Ja, sein Zimmer sei nun aufgeräumt, versichert einer. Was er denn für den anstehenden Fototermin anziehen solle, fragt ein anderer. Karin Hug nimmt sich für jeden Zeit, ohne je Geduld oder ihr Lachen zu verlieren.

Vor elf Jahren bezog GC den Campus in Niederhasli, so lange ist auch Karin Hug schon dabei als Leiterin des Internats. 15 Talente im Alter von 13 bis 18 Jahren trainieren und leben derzeit hier. Alle haben sie ein Ziel: Fussballprofi zu werden. Dafür nehmen sie einiges in Kauf. Denn luxuriös ist die Anlage wahrlich nicht. Zu zweit teilen sich die Buben ein kleines Zimmer, ihnen stehen ein Fernseh- und ein Pausenraum mit einer stets gefüllten Früchteschale zur Verfügung. Und natürlich ein Kraftraum, in dem ein U18-Spieler gerade Sonderschichten einlegt. Der Weg zum Ruhm führt über das Leiden, steht auf einem Poster an der Wand.

Viele sind es nicht, die es bis ganz nach oben schaffen. Die Nationalspieler Pajtim Kasami und Haris Seferovic gehören dazu. Vergnügt sucht Karin Hug auf ihrem Handy ein Foto heraus, das sie Haris kürzlich geschickt hat. Es zeigt einen verschmitzt grinsenden kleinen Jungen. «So ist das oft», resümiert Hug. «Sie kommen hier mit einem Piepsstimmchen an und verlassen das Internat mit einem Bart.»

 

Jetzt, am späteren Nachmittag kehren die Internat-Kicker von ihren Schulen zurück. Sie nutzen nun die kurze Pause vor dem Training. Aus den Zimmern dringen Hip-Hop-Klänge, einer holt die Wäsche aus dem Trockner, und andere ziehen ihr Bett neu an. Ein Ämtli hat jeder von ihnen, denn «die Jungs müssen wissen, dass das kein Hotel ist», wie es Karin Hug sagt. «Vielleicht wechseln sie ja mal ins Ausland, dort kann ihr Mami ja auch nicht dabei sein und alles erledigen», lacht sie.

 

Eine einzige Betreuerin für eine Bande pubertierender Jungs? Mancher Lehrerin würde angesichts dieser Aufgabe angst und bange werden. Doch Karin Hug winkt ab: «Sie sind schon disziplinierter als ‹normale› Jugendliche, sonst würde das nicht gehen.» Keiner will seinen Traum wegen jugendlichen Blödsinns aufgeben müssen. Zeit dafür bliebe ohnehin wenig. Neben Trainings, Spielen und Schule kommen bei den meisten auch noch die Zusammenzüge der Nachwuchs-Nationalmannschaften hinzu. Das ist anstrengend. Kein Wunder also wird es nach dem Lichterlöschen um 22:30 Uhr bald still. «Nur kürzlich dachte ich, mir falle gleich die Decke auf den Kopf», erzählt Karin Hug, die mit ihrer Familie ebenfalls auf dem Campus wohnt. Bayern hatte gegen Juventus in der Nachspielzeit ausgeglichen, die Jungs tobten im Aufenthaltsraum.

 

Solche Möglichkeiten, mal aus sich herauszukommen, bieten sich den Internatsschülern nur selten. Der Tagesablauf ist straff, Trainer und Lehrer sind streng und fordern viel. Karin Hug bildet das Gegenstück dazu. Zwar muss auch sie kontrollieren, ob die Ämtli erledigt werden und die Spieler zu den obligatorischen gemeinsamen Mahlzeiten erscheinen, aber die Jungs mögen die lockere und vor Energie sprühende Internatsleiterin sehr. «Eine liebe Chefin» sei sie, urteilt der 15-jährige Randy Schneider. Für Hug dagegen ist es manchmal schwierig einzuschätzen, ob einer in einer schwierigen Phase mehr Betreuung wünsche oder eher Distanz brauche. «Buben zeigen ihre Sorgen nicht so offen», weiss sie.

 

Als die Sonne sich ein letztes Mal zeigt, ist die kurze Ruhezeit auf dem Campus schon wieder vorbei. U18-Trainer Johann Vogel geht in seinem Büro noch einmal das anstehende Training durch. Einige packen für die Nati-Zusammenzüge, die andern muss Karin Hug ermahnen, nicht schon in den Korridoren des Wohnheims zu kicken. Selbstverständlich findet sich dieses Verbot in der Hausordnung, wie auch jenes zum «Damenbesuch».

 

Nur im Zimmer von Jan Bamert ist kein Betrieb. Der 18-jährige Verteidiger gehört zu den Aufsteigern der Super-League-Saison und unter Pierluigi Tami zum Stamm der ersten Mannschaft. Diesen grossen Schritt wollen auch seine Mitbewohner dereinst nehmen.

 

Bis dahin haben die Jugendlichen noch einige Entbehrungen auf sich zu nehmen. Karin Hug aber ebenso. Nur wenn ihre Schützlinge am Sonntag nach Hause fahren, kann sie kurz durchatmen. Fussballfrei ist auch diese Zeit nur selten. Ihr Mann engagiert sich ehrenamtlich als Juniorentrainer, und auf den Fussballplätzen der Region gibt es nach wie vor Talente zu entdecken. Vor ihrer Zeit auf dem Campus arbeitete Hug für den FC Zürich, und man sagt, es sei auch ihren Fähigkeiten als Scout zu verdanken, dass Ricardo Rodriguez, Adrian Nikci und Marco Schönbächler zum Verein stiessen.

Heute sind andere Qualitäten gefragt. Wenn am Montag die Junioren wieder ihr Quartier beziehen, kann sich GC darauf verlassen, dass sich diese dank Karin Hug ganz auf den Sport konzentrieren können. Die Freude, welche «die gute Seele vom Campus» bei der Arbeit ausstrahlt, macht das Leben voller Verzicht auf jeden Fall deutlich angenehmer.

 

 

 

 

Mämä Sykora, 9. Mai 2016