Radio Blind Power - Fussball fürs Ohr

Mit riesigem Einsatz und auf höchstem Niveau macht Radio Blind Power seit dieser Saison die Super League auch für Sehbehinderte erlebbar. Und das mit dem vielleicht kleinsten Radiostudio der Schweiz.

Radio Blind Power
Die Crew hinter Radio Blind Power

Noch dauert es fast zwei Stunden, bis das Spiel zwischen Luzern und St. Gallen in der Swissporarena angepfiffen wird. Fans sind noch keine auf den Rängen, auch die Medientribüne ist noch leer. Nur drei Plätze sind schon besetzt. Die Kommentatoren Gabriel und Marcel von Radio Blind Power packen ihre Laptops aus und gehen nochmals ihre Notizen als Matchvorbereitung durch. Techniker René schliesst derweil mit flinken Händen Geräte an und fährt erste Tests. Ein kleines Problem taucht auf, wird aber sogleich zusammen gelöst: Gabriel bedient das iPad, René leitet ihn dabei an, welche Menüpunkte er zu drücken hat. Das Erstaunliche daran: René ist blind. 

Vor bald 20 Jahren wurde Radio Blind Power in einer Blindenschule im bernischen Zollikofen gegründet und überträgt seither ausgewählte Anlässe übers Internet. Dazu gehören auch Fussballspiele. An der Heim-Europameisterschaft 2008 konnte Radio Blind Power gar über UKW senden, auf diese Saison hin machte man dank der Unterstützung der Swiss Football League und Raiffeisen den nächsten Schritt: Eine Partie pro Runde der Super League können die Hörerinnen und Hörer nun live verfolgen. Dafür haben die Radiomacher keinen Aufwand gescheut und wurden in jedem Stadion persönlich vorstellig, um ihr Projekt zu präsentieren.

Dass es schliesslich geklappt hat, ist auch René zu verdanken. Als die Verbindung endlich steht, lehnt er sich zufrieden zurück und reibt sich die kalten Hände. Seine Begeisterung für die Technik kommt nicht von ungefähr: Schon sein Vater arbeitete auf diesem Gebiet, den Tüftlergeist hat sein Sohn geerbt. «Mich hat stets die Frage umgetrieben, wie klein man ein Radiostudio machen kann», sagt René. Er sei nun mal ein «Gadget-Nerd», auch wenn er das nicht gerne zugebe, weil man dann gleich als Freak abgestempelt werde, fügt er lachend an. Nun, da sich auf der Medientribüne die anderen Vertreter von Presse und Radio installieren, erkennt man erst Renés Leistung. Während rundherum Koffer mit Material angeschleppt werden, passt die Ausrüstung von Radio Blind Power in einen kleinen Rucksack. Demnächst sollen die Kommentatoren ihr Studio gar ohne Renés Hilfe in Betrieb nehmen können.

 

Zehn Minuten vor dem Anpfiff geht Radio Blind Power auf Sendung. Bis zum Kick-off versorgen Gabriel und Marcel die Zuhörenden mit allen Informationen zum Spiel. Denn danach bleibt nicht viel Zeit: Für eine Audiodeskription ist es essentiell, dass die Kommentatoren stets nahe am Geschehen bleiben. Wo ist der Ball gerade? Wer spielt auf wen? Wie ist die Flugbahn des Balls? Um die Eigenheiten einer Übertragung für Sehbehinderte zu lernen, durchliefen die beiden einen kurzen Kurs.

 

Das Resultat ist beachtlich: Fehlerlos, flüssig und mit irrsinnigem Tempo beschreiben sie das Spielgeschehen, und dies auch noch einiges detaillierter als die Kollegen der übrigen Radiostationen. Erst mit einer solch ausführlichen Beschreibung können Sehbehinderte eine Partie wirklich verfolgen und am Tag danach mitreden, wenn sich unter Freunden oder bei der Arbeit das Gespräch um Fussball dreht.

 

Nur René ist noch nicht zufrieden. Ein dezentes Rauschen begleitet nämlich den Kommentar von Gabriel und Marcel. «Die andern sagen immer, ich sei überempfindlich,» sagt René schulterzuckend, «aber ich mag es nun mal nicht, wenn es klingt wie eine Vorkriegsschallplatte.» Damit übertreibt er natürlich grandios, denn ausser dem Techniker sind die Störgeräusche keinem aufgefallen. Nach einigen Handgriffen ist aber auch dieses Problem beseitigt. Dass René sein Equipment ebenso gut bedienen kann wie ein Sehender, ist auch Hersteller Apple zu verdanken. Dessen Geräte sind alle mit einer Bedienhilfe für Blinde ausgestattet, was die Arbeit von Radio Blind Power stark erleichtert.

 

Für Gabriel und Marcel ist diese Form des Kommentierens Schwerarbeit. Deshalb wechseln sie sich im Fünfminutentakt ab. Sehr wichtig für sie ist auch die Feedbackrunde, die jeweils nach dem Schlusspfiff ansteht. Die Sehbehinderten merken dann an, mit welchen Beschreibungen sie Mühe hatten. Diese professionelle Aufarbeitung ist bezeichnend für die Arbeit von Radio Blind Power: Es ist das erste Projekt, das von oben bis unten Sehende und Sehbehinderte involviert, und der Perfektionismus, den das Team an den Tag legt, ist beeindruckend. Wenn jeder seine Stärken ausspielen kann, zählt die Behinderung plötzlich nicht mehr, lautet ein Credo von Radio Blind Power.

 

Es sei immer schwierig, eine gute Balance zu finden zwischen der zwingend notwendigen Objektivität und Emotionalität, räumen die Kommentatoren ein. Vor allem bei einem Spiel wie diesem: Die Partie wogt hin und her, erst in der Nachspielzeit gelingt Marco Schneuwly der Ausgleich für die Luzerner. Das freut die Macher besonders, denn der Topskorer gehört zu den prominenten Unterstützern des Radios und erklärt sich nach dem Spiel sofort für ein kurzes Exklusiv-Interview bereit.

 

Innerhalb weniger Minuten hat René das vielleicht kleinste Radiostudio der Schweiz wieder in seinem Rucksack verstaut, die Kommentatoren führen die Sehbehinderten zum Bahnhof. Die Stimmung ist prima, es wird gescherzt und gelacht, aber auch über Pläne und Träume geplaudert. Von einem eigenen Studio träumen die Macher, von einer vollständigen Abdeckung der Raiffeisen Super League. Wer dieses Team bei der Arbeit beobachtet hat, der weiss: Mit ihrem Engagement würden sie auch das hinkriegen. Und zwar auf sehr hohem Niveau.

 

 

Mämä Sykora, 22. Dezember 2016