Fankurve mit Augenzwinkern

Der FC Vaduz hat zweifelsohne die kleinste Fankurve der Super League. Damit sie dennoch mit Leben erfüllt wird, stecken Ben und Pascal viel Herzblut und eine gute Prise Ironie in ihre Sache. Ein Besuch auf der freundlichsten Tribüne der Liga.

Fankurve FC Vaduz
Die kleine Fankurve gibt alles für den FC Vaduz

Der Satz, den Ben sagt, mag irgendwie nicht recht zum verschmitzten Grinsen und der herzlichen Art passen, mit der er die eintreffenden Stadiongänger begrüsst. «Hier in Liechtenstein», schmunzelt er, «gelten wir als Hooligans.» Nun ja, im Ländle sind die Gärten noch ein wenig gepflegter als ennet der Grenze, die Dörfer noch ein wenig mehr herausgeputzt. Aber nicht einmal in diesem von perfekter Ordnung geprägten Umfeld kann man sich vorstellen, dass Ben und seine Freunde von der «Sektion Nord» mit den gefürchteten Hauern gleichgesetzt werden.

Heute gegen Lausanne sind es um die 40 Leute, die auf der Tribüne hinter dem Tor für Stimmung sorgen. Es ist eine der wenigen Begegnungen im Rheinpark, bei denen sie den Supportern der Gäste zahlenmässig nicht unterlegen sind. Rot und weiss, die Farben des FC Vaduz, dominieren auf Fahnen und Bannern. Auf einem steht geschrieben: «Jedes Spiel international – primitiv und asozial». Pascal postiert sich gleich hinter diesem Transparent und erklärt: «Einige denken wirklich, wir seien ein Haufen Nichtsnutze ohne Job. Dabei können wir sehr wohl unsere Mannschaft laut und wild unterstützen, und die Woche durch dennoch gute Mitarbeiter in einem Betrieb sein. Insofern ist dieses Transparent auch eine Provokation gegen diese Vorverurteilung.»

Obwohl auf der Tribüne Platz genug wäre, stehen die FCV-Fans nahe beieinander. Im Zentrum steht Ben. Mit 28 ist er der Älteste der Truppe. Und er ist auch der Capo, also jener, der mit dem Megafon in der Hand die Schlachtgesänge vorgibt. Immer begleitet von seinem Nebenmann, der im Takt auf einen Pauke schlägt, die schon weit bessere Zeiten gesehen hat und notdürftig mit Tape ausgebessert wurde. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Wenn man mitten in der Vaduzer Fankurve steht merkt man nicht, dass hier nur wenige Dutzend mitsingen. Nur aus der Distanz sind die Unterschiede zu den Klubs mit grösserer Fanbasis unüberhörbar.

 

Auch Ben findet es schade, dass die Nordtribüne nicht besser gefüllt ist: «Wenn wir uns Youtube-Videos von anderen Fankurven anschauen, ist das schon etwas ernüchternd.» Es sei auch ein bisschen ein Teufelskreis: Man müsse schon eine gewisse Masse sein, damit dies weitere Fans in die Kurve locke. Immerhin hat man es mittlerweile geschafft, an jedem Match präsent zu sein. An alle Auswärtsspiele gebe es Carfahrten, auch wenn es bei Spielen unter der Woche etwa in Sion sehr schwer sei. «Wir waren auch schon zu zweit da und haben unser Banner aufgehängt», erzählt Ben lachend. Um den Nachwuchs ist die Fangruppierung «Gioventù» besorgt. Pascal ist ihr Anführer: «Wir versuchen stets, neue Leute zum Mitmachen zu bewegen. Aber viele verlieren schnell das Interesse.» Entmutigen lassen sich die beiden davon nicht, auch wenn ihr Herzensklub derzeit am Tabellenende steht und auch heute nicht gut spielt.

«Wenn es nur ums Sportliche ginge, wären wir nicht hier», stellt Ben klar. Und Pascal ergänzt: «Eigentlich verlangen wir ja vom FCV gar nicht viel: Kampf und Einsatz. Dann sind wir schon zufrieden.»

 

Auch in der zweiten Halbzeit lässt Ben seine Kurve ohne Unterbruch singen. Immer wieder streut er einen Spruch ein, die Fans kugeln sich vor Lachen, stimmen dann aber sogleich wieder ein. Ein paar Ränge weiter oben in der Nordkurve steht ein Gruppe Männer um die 40 und applaudiert nach gelungenen Szenen der Vaduzer. Einer davon ist Martin, sozusagen der Vorgänger von Ben. 2004 war er Mitgründer des ersten Fanclubs des FCV, die «Rheinwölfe». Sie haben den Verein davon überzeugt, dass nur mit Tribünen hinter den Toren eine Fankultur entstehen kann. 2006 wurde die Nordkurve gebaut und Martin stand an Bens Stelle. «Vor uns gab es hier gar nichts», sagt er nicht ohne Stolz. Dass nun Ben und seine Freunde das Zepter übernommen hat, findet er grossartig: «Es ist super, was die Jungs machen. Es ist eine ganz andere Art des Supports als wir ihn pflegten. Heute ist es auch wichtig, welche Kleider man trägt und dass man unabhängig ist vom Verein.»

 

Die Anonymität der Fankurve, sie gibt es in Vaduz nur sehr bedingt. Jeder kennt die Jungs (und wenigen Mädels) aus der Kurve. Der eine ist der Sohn eines hochrangigen Politikers, andere kennt man aus der Feuerwehr oder von der Arbeit. Einige haben noch mit aktuellen Vaduz-Spielern bei den Junioren gespielt. Für 90 Minuten machen sie die Nordkurve zum wildesten Gebiet im ganzen Land. Heute gegen Lausanne vielleicht auch zum glücklichsten: Weit in der Nachspielzeit kommt der FC Vaduz dank eines Elfmeters noch zum Ausgleich. Und die Hoffnung lebt weiter. Auf den Klassenerhalt – und darauf, dass der FCV irgendwann nicht mehr die kleinste Fankurve der Liga hat.

 

Mämä Sykora, 15. Februar 2017

FC Vaduz Stadion

Der Blick von der Nordkurve

FC Vaduz Pauke

Mit Klebeband hält auch die Pauke

FC Vaduz Stadion

Idylle im Rheinpark Stadion

FC Vaduz Fankurve

Keine Anonymität: hier kennt man sich