Ein Leben lang Lugano

Der FC Lugano hat eine äusserst wechselhafte jüngere Vergangenheit. Cupsieg und Konkurs, Meisterrennen und Abstieg, Präsidenten und Spieler wechseln so häufig wie nirgendwo sonst. Nur einer ist immer dabei geblieben: Giuseppe «Bigio» Biaggi, der bekannteste und leidenschaftlichste Fan der Tessiner.

Giuseppe «Bigio» Biaggi ist der leidenschaftlichste Fan der Tessiner
Giuseppe «Bigio» Biaggi ist der leidenschaftlichste Fan der Tessiner

Bigio steht mitten auf der Strasse, die Arme ausgebreitet. Links zeigt er auf die Bar seiner Familie. Hier hat er seine Kindheit verbracht, Bigio, das Urgestein des FC Lugano. Zu seiner Rechten befand sich einst der Hauptsitz des Klubs. Der Fotograf knipst ihn von allen Seiten. Keine einfache Aufgabe bei der tiefstehenden Sonne am Morgen dieses Spätsommertages. Einige Autos wollen durchfahren. 

«Wir halten ja alle auf», ruft Bigio, aufgeschreckt von den hupenden Autos aus der Ferne. Eine Frau kommt näher, beobachtet das Geschehen und richtet den Blick auf ihn, als wollte sie sagen «Ja, er ist es ist wirklich». Bigio bemerkt davon gar nichts. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus. Sie waren schon immer sein Metier gewesen, vor allem, wenn er sie vor der Fernsehkamera mit Gesten untermalen konnte. Viele Jahre arbeitete er für das Tessiner Fernsehen und wurde in dieser Zeit auch ein bisschen das Gesicht des FC Lugano. 

 

 

Wir setzen uns hin, trinken einen Kaffee. «Ich wohnte genau hier oben», sagt er. Alles befindet sich im Umkreis von wenigen Metern: das alte Haus, die Bar der Familie, der Hauptsitz jenes Klubs, dessen Fan er noch heute ist. Ein nostalgischer Fan, oder wie er es selbst nennt: ein Besessener. «Es scheint beinahe so, als hätten alle Angst vor der Sehnsucht», philosophiert er. Angst davor, als Anachronisten angesehen zu werden, nicht auf der Höhe der Zeit, die schneller zu vergehen scheint, als überhaupt möglich. Giuseppe Biaggi – von allen ‹il Bigio› genannt – lässt uns durch seine Worte und Gesten in Erinnerungen schwelgen. Er erzählt derart leidenschaftlich, dass man das Gefühl bekommt, er würde die Vergangenheit zu neuem Leben erwecken.

 

Bigio lässt seine Gedanken reisen. Er selber reist hingegen überhaupt nicht gerne. «Schon wenn ich zur Brücke von Melide komme …» Seine Welt ist Lugano. Doch im Laufe der Zeit ist er nicht nur in der Tessiner Fernsehwelt, sondern im ganzen Tessin zu einer Institution geworden. Es grüssen ihn tatsächlich alle. «Ciao Bigio» ertönt es alle paar Schritte. Jeden Abend – ob jetzt der FC Lugano zuvor gespielt hatte oder nicht – sass er im «Caffè della Posta», bevor es sein Vater der Familie von Michelle Hunziker verkauft hat. «Es gab eine Wandtafel, auf der die Resultate der Spiele aufgeschrieben wurden. Wie auf dem Markt.» Louis Maurer, Trainer-Legende des FC Lugano, hatte den Treffpunkt umbenannt. Für ihn war es einfach ‹L’Académie›. Dort atmete man Fussballluft, inmitten von Spielern und Tifosi. Und Bigios Familie prägte die Bar wie keine zweite. 

 

Schon sein Grossvater und sein Vater waren Präsidenten beim FC Lugano. Beide gewannen sie den Schweizer Cup. Der Grossvater 1931, der Vater 1968. Bigio selbst war gar drei Mal Präsident, aber die Cupsiege konnte er «nur» als Fan feiern, 1968 und zuletzt 1993. Mit 4:1 gewannen die Bianconeri beim letzten Titel gegen GC. Nestor Subiat traf zwei Mal. «Subiat ist der Stürmer, den wir heute noch bräuchten». Noch immer ist Bigio bei jedem Heimspiel dabei. Oben links auf der Tribüne, dort ist sein Platz. Dort oben hat er auch seine Frau kennengelernt. Er hat seine Rituale. «Aber die anderen Fans um mich herum werfen mir vor, ich halte mich damit zu sehr zurück», lacht er. 

 

Bigio ist ein aufmerksamer Beobachter. Er liebt die Details, die anderen entgehen. Aufmerksam beobachtet er den FC Lugano von heute. «Die Mannschaft hat gute und schlechte Eigenschaften von Trainer Zeman übernommen. Unter den schlechten ist auch die Überheblichkeit». Der misstrauische Zeman hätte sich wahrscheinlich nicht in der ‹Académie› blicken lassen, würde es sie heute noch geben. Oder aber er wäre alleine in einer Ecke geblieben, umhüllt von einer Rauchwolke. Bigio hätte lieber eine Mannschaft «wie jene damals unter Trainer Maurer Ende der 60er-Jahre, mit vielen Tessiner Spielern und wenigen Ausländern – aber solchen, die den Unterschied ausmachten!». Dabei denkt er natürlich an den Deutschen Otto Luttrop, genannt «Atom-Otto» aufgrund seiner Schusskraft. Es war ein anderer Fussball, in einer ganz anderen Zeit. «Ein Beispiel? Ich erinnere mich, wie sich damals die Fans nach einem Spiel mit Kaki-Früchten bewarfen.» Und als ihnen die Kaki ausgegangen waren, versammelten sich alle im «Caffé della Posta», um das Spiel und die anschliessende Kaki-Schlacht Revue passieren zu lassen. Er war damals noch ein Kind, bereitete Glacé vor und rannte von einer Ecke der Bar in die andere. Er setzte sich vielleicht gerade auf den Schoss von Ferdi Kübler, einem Freund der Familie, der bei seinen Tessin-Besuchen im Haus übernachtete und das Velo auf dem Balkon abstellte. Oder er lief mit heissen Kaffees Richtung Hauptsitz des Klubs, wo seine Mutter als Sekretärin arbeitete – hier um die «Via della Posta», dem nostalgischen Herzstück von Bigios FC Lugano.

 

 

 

Paolo Galli, 30. September 2015