Gruppenreisen in Rekordzeit

Die Europa-League-Qualifikation ist für die Klubs ein organisatorischer Kraftakt. Und für die Planung der Reisen nach Albanien, Israel oder Georgien bleiben jeweils nur ein paar Tage. Dominik Albrecht sorgt dafür, dass der Europacup für den FC Thun keine unliebsamen Abenteuer bereithält.

Dominik Albrecht sorgt dafür, dass auf Reisen alles Rund läuft
Dominik Albrecht sorgt dafür, dass auf Reisen alles Rund läuft

Wenn sich im UEFA-Hauptsitz in Nyon an der Auslosung der Europa-League-Qualifikationspartien die Kugeln drehen, beginnt bei den anwesenden Delegierten das grosse Bangen. Denn nur eine Woche später werden bereits die ersten Spiele angepfiffen. Bis dahin muss für einen ganzen Tross aus Spielern, Staff, Sponsoren und Material Reise, Unterkunft, allfällige Visa und Verpflegung organisiert werden.

Dominik Albrecht bezeichnet diese Zeit als «die intensivste Phase der Saison». Der 30-Jährige ist beim FC Thun «Leiter Koordination» und als solcher – nebst vielen anderen Aufgeben – verantwortlich dafür, dass alle und alles zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Die Planung dafür beginnt jeweils direkt nach der Auslosung. «Da geht es jeweils zu wie auf einem Basar», erzählt Albrecht. «Man sucht im Gewimmel die Delegierten des Gegners, klärt erste Fragen und tauscht Visitenkarten und Kontaktlisten aus.» Und dann gehts erst richtig los.

Es sei organisatorisch von Vorteil, wenn zuerst das Heimspiel anstehe, so Albrecht. Zwar sei dieses aufgrund der umfassenden UEFA-Vorschriften deutlich aufwändiger als ein Super-League-Spiel, aber immerhin bleibt etwas mehr Zeit für die Reiseplanung. Der FC Thun zählt dabei auf die Unterstützung eines Berner Reisebüros, das in kürzester Frist einen Vorschlag für Transport und Unterkunft ausarbeitet.

 

Im Gegensatz zu grösseren Klubs kann es sich der FC Thun nicht leisten, vor Ort zu rekognoszieren und vertraut deshalb auf die Auswahl seines Partners. Albrecht prüft diese dann zusammen mit dem Thuner Staff und gibt zusätzliche Wünsche durch. Selbst das Menü auf dem Flug wird festgelegt. «Was sonst im Flugzeug serviert wird, ist ja nicht unbedingt ideal für Sportler», schmunzelt Albrecht. Er muss es wissen, schliesslich war er jahrelang Captain des Unihockey-Spitzenteams Floorball Köniz.

 

In den Tagen bis zur Abreise laufen Albrechts Telefon und sein Mailprogramm heiss. Mit den Botschaften wird geprüft, welche Spieler ein Visum benötigen und wie man dieses so schnell bekommen kann. Für den Gegner erstellt er einen detaillierten Plan aller Transporte zwischen Flughafen, Hotel und Stadion. Und natürlich ist er pausenlos damit beschäftigt, Lösungen für auftauchende Probleme zu finden. So auch dieses Jahr, denn die Reise zum Zweitrunden-Gegner Hapoel Be’er Sheva aus Israel brachte einige Schwierigkeiten mit sich.

 

Den Behörden in Tel Aviv genügten nämlich die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen Bern-Belp nicht, von wo aus der FC Thun mit dem Charter starten wollte. Erst als die israelischen Auflagen erfüllt waren, gab es grünes Licht. Dafür hatte der Flieger mit dem vielen Gepäck plötzlich zu viel Gewicht für die kurze Startbahn in Belp. Schweren Herzens musste man deshalb den eingeladenen Sponsoren wieder absagen.

 

Zum dritten Mal in fünf Jahren spielt der erstaunliche FC Thun heuer im Europacup. Nach anstrengenden Reisen in die Ukraine, nach Georgien oder Albanien meinte es das Los diese Saison gut mit Dominik Albrecht. Für den nächsten Gegner FC Vaduz braucht es wahrlich keine ausufernde Vorbereitung. Man kennt sich bestens.

Doch nicht alle sind glücklich mit dem Los. Albrecht: «Organisatorisch ist ein Gegner wie Vaduz eine Erleichterung. Die Spieler hätten aber am liebsten möglich ausgefallene Gegner. Und aus Klubsicht sollte es ein attraktives, aber nicht zu starkes Team sein.» Denn wer die Qualifikation für die Gruppenphase nicht schafft, für den ist der Europacup der hohen Reisekosten wegen im besten Fall ein Nullsummenspiel.

 

Doch nicht nur deshalb schaut Albrecht darauf, dass nicht mit zu grosser Kelle angerührt wird: «Einen gewissen Standard müssen Reise und Hotel schon erfüllen, aber wir wollen unsere Spieler nicht zu sehr verwöhnen.» Schliesslich sei es vergleichbar mit einer Geschäftsreise und keine Ferienreise, fügt er lachend an.

Während sich die Spieler auf Training und Match konzentrieren können, hat Dominik Albrecht kaum eine ruhige Minute. Er konferiert mit Gegner, Sicherheitsbeauftragten und Reiseunternehmen, reicht bei der UEFA alle notwendigen Dokumente ein und sucht unentwegt nach Lösungen für auftretende Probleme. Und natürlich plant er bereits voraus. Denn die nächste Qualifikationsrunde steht (hoffentlich) bald an. Ob es dann nach Russland, Deutschland oder in die Türkei geht, wird er erst wieder wenige Tage vor dem Anpfiff erfahren.

 

 

 

 

 

Mämä Sykora, 3. August 2015