St. Gallens Konstante

Seit bald fünf Jahren amtet der langjährige Super-League-Spieler Daniel Tarone als Assistenztrainer beim FC St. Gallen. Fernab der öffentlichen Wahrnehmung arbeitet er als Bindeglied zwischen Cheftrainer und Mannschaft und ist dabei weit mehr als ein «Hütchenaufsteller».

Daniel Tarone ist Assistenztrainer beim FC St. Gallen
Daniel Tarone ist Assistenztrainer beim FC St. Gallen

Es gibt Fussballer, die prägen unsere Liga über Jahre, verabschieden sich aber nach ihrem Karriereende ganz von ihrem Sport. Und es gibt andere, die wechseln nahtlos die Rolle und übernehmen sogleich eine Mannschaft als Trainer. Nur ganz wenige wählen den beschwerlichen Weg fernab des Scheinwerferlichts und sammeln eifrig Erfahrungen für ihre zweite Laufbahn. Einer davon ist Daniel Tarone. 18 Jahre lang lief er als Mittelfeldspieler unter anderem für den FC Zürich, Aarau und Schaffhausen auf. Heute ist er im schnelllebigen Trainergeschäft eine Konstante: Seit bald fünf Jahren ist er Assistenztrainer des FC St. Gallen. 

«Wenn ich gerne im Vordergrund stehen würde, hätte ich eher eine U21 übernommen», gibt Tarone unumwunden zu. Während seine Spieler sich nach dem Morgentraining Ruhe gönnen, wartet auf ihn bereits wieder einige Arbeit. In seinem Büro im Bauch der AFG-Arena wartet Videoanalyst Nnamdi Aghanya, um mit ihm das Aufbauspiel des nächsten Gegners unter die Lupe zu nehmen. Danach gilt es, mit Cheftrainer Joe Zinnbauer das Detailprogramm des Abendtrainings durchzugehen. Und wenn am folgenden Tag die Spieler beim Frühstück sitzen, ist Daniel Tarone längst wieder im Stadion und bereitet den Platz vor.

«Hütchenaufsteller» werden Assistenztrainer abschätzig genannt. Tarone stört dies nicht: «Wir kümmern uns um das Tagesgeschäft. Unsere Arbeit sieht man von aussen nicht.» Dabei umfasst sein Tätigkeitsbereich eine breite Palette von Aufgaben: Trainingsgestaltung, Scouting der Gegner, Spielvorbereitung, Videoanalyse – und vor allem viele Gespräche mit den Spielern. Dabei geht es darum, negative Strömungen im Team frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegen zu wirken.

 

«Ich stehe zwischen dem Trainer und der Mannschaft», sagt Tarone über seine Stellung im Verein. «Den Spielern steht ein Assistenztrainer oft näher als der Cheftrainer. Ich bin eher ihr Kumpel. Zu lustig darf es allerdings nicht zu und her gehen.» Ihm vertrauen die Profis in Gesprächen mehr an, und Tarone weiss mit dieser Verantwortung umzugehen. Der Cheftrainer müsse nicht alles wissen, findet er. Sobald er aber potenzielle Störfaktoren erkennt, handelt er und holt die betroffenen Parteien an einen Tisch. Eine Fussballmannschaft ist ein fragiles Gebilde. Negative Einflüsse können schnell einen sportlichen Abwärtstrend einleiten. «Man muss sehr wachsam sein», betont Tarone.

 

Dass Dani Tarone auch nach bald fünf Jahren noch im Amt ist, ist nicht selbstverständlich. 2011 trat Jeff Saibene seinen  Job als FCSG-Trainer an und erinnerte sich an Tarone, den er von gemeinsamen Zeiten beim FC Aarau kannte. Die beiden erlebten Aufstieg, Höhenflüge und grosse Europacup-Auftritte. Doch im September 2015 trat Saibene zurück. Es ist das Los von Assistenztrainern, dass das eigene Schicksal mit dem des Vorgesetzten verknüpft ist. Doch Tarone hatte Glück: Beim FC St. Gallen entschied man sich, nach einem neuen Trainer zu suchen, der den bestehenden Staff übernehmen würde. «Für mich war das ein sehr grosser Vertrauensbeweis», sagt er.

 

Der Klub weiss, was er an Tarone hat. Fast zwei Jahrzehnte stand der heute 40-Jährige als Spieler täglich auf dem Platz. Er kennt das Innenleben einer Mannschaft, kennt die Gedanken eines Profis, der gerade nicht zur Stammelf gehört – schliesslich ist ihm das in seiner Aktivkarriere auch widerfahren. Über diese Zeit sagt er heute schmunzelnd: «Hätte ich damals schon die Erfahrung gehabt, die ich heute dank des Trainerjobs habe, hätte ich bestimmt mehr gespielt.»

 

Auf die Frage, welcher Trainer ihn am meisten geprägt habe, antwortet Tarone schnell: «Lucien Favre». Doch auch von jedem anderen Übungsleiter habe er gewisse Dinge übernommen. Sein neuster Lehrmeister ist Joe Zinnbauer. Für ihn ist Tarone die wichtigste Ansprechperson. Er soll ihm helfen, den Spielern die neue Philosophie zu vermitteln. Das braucht Zeit. «Für die Mannschaft ist die Umstellung noch schwieriger. Sie müssen sehr viele neue Informationen und Anforderungen verarbeiten», meint Tarone.

 

So gerne er seine derzeitige Arbeit macht, so ist sie doch auch ein Weg zum Ziel. Und das Ziel heisst: Cheftrainer werden. 2017 darf er endlich auch die UEFA-Pro-Lizenz in Angriff nehmen. Ab dann wird auch er zu den Kandidaten gehören, wenn in der Super League wieder einmal ein Posten zu besetzen sein wird.

 

Bis es soweit ist, will Daniel Tarone noch so viel wie möglich lernen. Die nächste Partie steht zwar erst in drei Tagen an, aber als die Dämmerung langsam über der AFG-Arena hereinbricht, verschwindet er nochmals in seinem Büro, wo die Wände zugepflastert sind mit Listen, Aufstellungen und Trainingsplänen. Es gibt noch viel zu tun.

 

 

 

Mämä Sykora, 11. März 2016