Ballon d‘Ohr

Auch zu einer Zeit, wo jedes Super-League-Spiel live im Fernsehen übertragen wird, schwören Tausende YB-Fans auf den Kommentar von Radio Gelb-Schwarz.

Tausende YB-Fans schwören auf den Kommentar von Radio Gelb-Schwarz
Tausende YB-Fans schwören auf den Kommentar von Radio Gelb-Schwarz

Durchatmen heisst es jetzt bei Gabriel Haldimann und Nicola Franzoni. Beinahe hat YB in der Nachspielzeit noch einen Drei-Tore-Vorsprung aus der Hand gegeben. Doch nicht nur wegen der dramatischen Schlussphase können die beiden Kommentatoren von Radio Gelb-Schwarz nun ein paar ruhige Atemzüge und einen Schluck Bier vertragen. Sie haben nämlich gerade einen echten berndeutschen Redemarathon (2 Stunden und 38 Minuten) hinter sich gebracht.

Wer sich bei Radio Gelb-Schwarz (RGS) einklinkt und dem Kommentatoren-Duo zuhört, der käme nie auf den Gedanken, dass sich dieses gerade bei der Arbeit befindet. Auch auf der Medientribüne geben Haldimann und Franzoni, ein eingefleischter YB-Fan, der an diesem Abend als Gast mitkommentiert, ein anderes Bild ab als die übrigens Journalisten. Sie verfolgen das Spiel stehend, eingehüllt in YB-Schals. «Von Fans für Fans» lautet das RGS-Motto – und so hört es sich auch an. «Lago mio!», ruft Franzoni nach einer vergebenen YB-Chance.

Die Emotionen gehen bisweilen hoch, überborden aber selten bis gar nie. «Wir legen viel Wert darauf, möglichst keine Kraftausdrücke zu verwenden», erklärt der 27-jährige Haldimann, seit 2010 im RGS-Kernteam. Stattdessen scheinen den Kommentatoren Sprüche und Wortwitze im Sekundentakt zuzufliegen, für die jemand von der schreibenden Zunft minutenlang über einem leeren Blatt brütet. Naturgegeben ist diese Fähigkeit aber nicht nur. «Wer bei uns kommentieren will, muss viel Freude an der Sprache mitbringen. Das ist eine Grundvoraussetzung», sagt Haldimann. Doch damit ist es nicht getan. Die Sprecher büffeln dann und wann auch eifrig neue Synonyme. Heute Abend hoch im Kurs steht das Wort «Schlungg» [Schlungg: Angriffsvariante beim Schwingen]. Es bezeichnet die misslungenen Abschläge von St. Gallen-Goalie Daniel Lopar, den die Kommentatoren getreu ihrer liebevollen Berner Verniedlichungsdiktion natürlich einfach nur «Dänu» nennen – genau so wie ihr Stürmer Alexander Gerndt einfach nur der «Gerä» ist. Richtig originell und RGS-gerecht wird es dann, als sich Haldimann die Frisur des neuen französischen FCSG-Verteidigers Florent Hanin genauer unter die Lupe nimmt, worauf er diesen fortan als HSG-Studenten bezeichnet.

 

Zu Studentenzeiten entstand auch die Idee zum Radioprojekt. Brian Ruchti und Simon Klopfenstein, beides ehemalige Geschichtsstudenten, legten im Februar 2009 auf der alten Luzerner Allmend den Startschuss. Rasch folgte eine Anbindung an den BSC Young Boys, der zur selben Zeit ein Blindenradio lancieren wollte, dieses Projekt dann aber gleich RGS überliess. Gabriel Haldimann und zwei weitere YB-Fans komplettieren heute das fünfköpfige Team, welches stets eine Zweimann-Delegation an die Spiele entsendet.

 

Die Ausflüge ins Reich der spassigen, aber stets liebevollen Formulierungen und die bisweilen epischen Abschweifungen sind ein Markenzeichen von RGS. Sie sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Radioleute auch mit äusserst viel Kompetenz aufwarten. Die YB-Mannschaft kennen Haldimann und Co. natürlich aus dem Effeff und gehen mit ihr auch hart ins Gericht, wenn’s sein muss. Plump sei das, ideenlos, wenn wie jetzt gerade in der ersten Halbzeit gegen St. Gallen nur weite Bälle gespielt würden. Trotz YB-Perspektive findet aber auch der Gegner viel Platz in der Berichterstattung. Dank gründlicher Vorbereitung etwa kann Haldimann die Information einstreuen, dass St. Gallens Leitgeb in Österreich einst ein Schützling des heutigen YB-Trainers Hütter war.

 

Das unterhaltende Element soll aber weiterhin den grössten Platz in der Radioreportage einnehmen. «Im FIFA würde man jetzt sagen, er hat die R1-Taste zu lange gedrückt», heisst es nach einem missglückten Schlenzer von YB-Stürmer Hoarau. Ja, und dieser Lopar sei eben schon ein bisschen «ein flatterhafter Giu» [dt. ein flatterhafter Junge]. Der Gegner wird aber auch gelobt, vor allem diese «messieske Art» von Youngster Gaudino. Bei solch geschickter Verzahnung von Witz und Information klinken sie sich alle gerne ein, sei es der Büezer von nebenan, die Familie von Verteidiger Leo Bertone in Italien oder ein Professor der renommierten US-Universität Princeton, der sich die Spiele seines Lieblingsklubs nicht entgehen lassen will.

 

Zu diesem Auswärtsspiel in St. Gallen haben sich rund 6000 Hörer zugeschaltet, ein überdurchschnittlicher Wert. Grosser Beliebtheit erfreut sich die Kombination TV-Bild und RGS-Ton. Weil der RGS-Kommentar aufgrund der Datenübertragung zeitlich rund 10 Sekunden hinter dem eigentlichen Match liegt, greifen Haldimann und seine Kollegen am Anfang des Spiels zu einem kleinen Kniff. Die Pausetaste auf ihrer Fernbedienung sollen die Leute zu Hause drücken, wenn der Ball zum Anstoss bereitliegt. Und dann, sobald vor Ort die Partie angepfiffen wird, geben die RGS-Kommentatoren das Signal. «Beeeeeeep!» – nun ist das Internet-Radio synchron mit dem TV-Bild, eine für viele YB-Fans unschlagbare Kombination.

 

Die höchsten Hörerzahlen verzeichnet das Fanradio immer dann, wenn weniger Leute das Stadion aufsuchen oder keine TV-Kameras das Geschehen einfangen. Der Höchstwert stammt noch von 2009, als YB in der Europa League nach Bilbao reiste. Die Quote erreichte fast die 20‘000er-Marke. Dann brach die Leitung zusammen. Irgendwie typisch für ein Projekt im Umfeld des BSC Young Boys. Genau dann wenn es super läuft, geht wieder irgendetwas schief. So passt ein Radio wie RGS auch nirgends besser hin als nach Bern, wo man als Fan dem sportlichen Misserfolg am besten mit einer gewissen Portion Schalk und Ironie begegnet. Bald drei Jahrzehnte wartet YB nun schon auf einen Titel. Dem hauseigenen Radio, Gabriel Haldimann und seinem Team gebührt aber schon längst eine Trophäe: der Ballon d’Ohr. 

 

Mämä Sykora, 31. März 2016